MAGAZIN

Nicht Erwachsen werden

Erste Liebe, Pubertät, Unsicherheiten: Lukas Jüligers Debüt «Vakuum» beginnt wie ein typischer Coming-of-Age-Comic. Der namenlose, schüchterne Protagonist lernt in der Schule ein Mädchen kennen – «Ihr Name klang nach Sommer.» Die beiden nähern sich einander vorsichtig und erleben ihre erste Liebe. Doch irgendetwas an Jüligers Album ist anders als in Comics mit ähnlicher Thematik. Was genau jedoch so anders und verstörend ist, bleibt zunächst kaum greifbar: Sind es die düsteren Farben, die alles in eine melancholische Grundstimmung tauchen? Oder die zunehmend seltsamen und verstörenden Begebenheiten, die sich in die Handlung einschleichen, bis sie schliesslich die Geschichte zu übernehmen scheinen? Ben Fimming, der eine Matratze in den Wald trägt (auf der er sich später umbringen wird), ein heimlicher Besuch im Leichenschauhaus, die nächtlichen Spaziergänge des Sommer-Mädchens oder die zunehmende Schweigsamkeit von Sho, dem besten Freund des Protagonisten … Im verstörenden Nebenstrang um Sho wird erzählt, wie dieser nach einem Drogentrip nicht mehr der Gleiche ist, sich als Folge dieser Erfahrung über den Comic hinweg scheinbar aufzulösen versucht, schweigend und apathisch all seinen Besitz in der Welt verteilt, bis sein Zimmer schliesslich komplett leer ist. Eines der vielen Bilder Jüligers für den Prozess, in dem sich die Protagonisten befinden, die Jugend, in der auf das neue Leben als Erwachsener vorbereitet werden soll, von dem aber fraglich bleibt, ob die Protagonisten dieses neue Leben in Jüligers apokalyptischer Coming-of-Age-Version überhaupt erleben werden.

Immer tiefer wird der Leser in den Strudel – oder das Vakuum – Jugend hineingezogen, in die Unbehaglich­keiten und Verstörungen – bereits auf dem Cover sind die Protagonisten von Scherben, Müll, Schutt und Messern umgeben. Eine Gegenstrategie scheint die Kunst zu sein: Das Mädchen malt After, nach dem Vorbild einer in einer einsamen Hütte im Wald befindlichen mysteriösen Öffnung im Boden. Steckt man den Finger hinein, so bewirkt dies den berauschenden Sog eines Drogentrips – doch auch diese Bewältigungsstrategie wird zerstört. Nichts in der Welt von «Vakuum» ist am Ende noch wie am Anfang. Anders jedoch als im klassischen Coming-of-Age-Geschehen, wo die Protagonisten nach den Wirren der Jugend als gefestigte Erwachsene durchs Leben gehen, bleibt diese Möglichkeit den Personen bei Jüliger verwehrt: Das Drama endet nicht mit dem Erwachsenwerden, vermutlich – doch auch dies bleibt offen – fängt das wahre Drama damit erst wirklich an. Als das wahre Glück erscheint der Schwebezustand zwischen Verstörung und Zerstörung, Melancholie und Glück, und der gemeinsame Untergang: «Wie fragt man das jemanden? – Hättest du Lust, mit mir zu sterben?».

Jonas Engelmann

Lukas Jüliger: «Vakuum».
Reprodukt, 112 S., Softcover, farbig,
Euro 20 / sFr. 28.90

 

 

Illustrationen von Julia Bruderer


 

«Vakuum»
 

Adorno-Porno

«Der Comic sollte am Anfang ‹Candide oder ein Sieg der Freiheit› heissen, aber die Auseinandersetzung der Studenten mit ihren intellektuellen Vorbildern wie Adorno färbte dann doch ganz stark auf die Geschichte ab», schreibt Helmut Wietz im Nachwort zu seinem bereits 1967 begonnenen und erst jetzt vollendeten Comic «Der Tod von Adorno». Die Geschichte des von Wietz in die Gegenwart der Sechziger überführten Candide – hier unter dem Namen Trollschack, einem naiven Proletarier vom Lande – ist durchdrungen von den damals dominierenden Themen: Politik, APO, RAF, Kritische Theorie und freie Sexualität. Innerhalb dieser Koordinaten bewegt sich der Protagonist Trollschack zwischen protestierenden Studenten und sucht nach dem «richtigen Ausgang im Falschen». Ist es der «systemverändernde Pornofilm» oder die Lehre der «Gralshüter der dialektischen Aufklärung» im «Elfenbeinturm» der Frankfurter Universität?

Bei einem Besuch in Frankfurt wird Adorno aufgrund seiner Verbissenheit, seiner vermeintlichen Humorlosigkeit und seines fehlenden Vertrauens in die 68-er von Trollschack kritisiert, doch auch der anderen Seite, den Revolutionären, traut er nicht über den Weg. Der wahre und gemeinsame Feind jedoch sind die alten Nazis, die sich an allen wichtigen Schaltstellen in der BRD eingenistet haben, und denen weder Adorno noch die Studenten Herr werden. Erst Trollschack entwickelt einen utopischen Plan, der schliesslich ausgeführt wird. Wie einst die mittelalterlichen Ausgestossenen auf das Narrenschiff werden die Altnazis auf einen Dampfer verfrachtet: «Was sie nicht wissen, ist, dass sie dazu verdammt sind, bis ans Ende ihrer Tage nie wieder in einem Hafen einlaufen zu können.» «So ist nun», meint Trollschack bevor er nach erledigter Arbeit wieder in seine norddeutsche Provinzheimat zurückkehrt, «die verlogene Koexistenz von Tätern und Opfern auf harmonische Weise beendet.»

Auf jeder Seite ist das Unbehagen aufgrund der politischen Karrieren ehemaliger Nazis und der gesellschaft­lichen Prüderie zu spüren, das Wietz’ Generation begleitet und die 68-er eingeleitet hat. Dieser Realität gegenübergestellt ist die Hoffnung auf eine neue Politik und Kunst, wie etwa den Comic, der sich im Falle von Wietz ästhetisch irgendwo zwischen Pop-Art und amerikanischen Vorbildern wie Joe Brainard bewegt. Doch daneben sind ebenso auf jeder Seite die unangenehmen Aspekte der 68-er zu spüren, beispielsweise die hinter dem Ruf nach sexueller Befreiung versteckten Macho-Attitüten, wenn Trollschak «Apomuschi Monika», die er im Flugzeug nach Berlin kennenlernt, konsequent «die feuchte Monika» nennt. Dadurch steht der Comic sich immer wieder selbst im Wege und untergräbt die berechtigte Gesellschaftskritik von Wietz’ Generation: Es sind noch immer die gleichen Altherrenwitze der Väter, nun bloss in bunte Bilder verpackt. Adorno jedenfalls hätte sich im Grabe umgedreht.

Jonas Engelmann

Helmut Wietz: «Der Tod von Adorno».
Metrolit, 72 S., Hardcover, farbig,
Euro 22 / sFr. 31.40

 

 

 


 

«Der Tod von Adorno»
 

Erinnerungen an eine Jugend im Elend

Eigentlich sind die «Geschichten aus dem Viertel» der beiden Mallorquiner Gabi Beltrán und Bartolomé Seguí alles andere als schön. Charme haben sie trotzdem und auch etwas Versöhnliches. Eigentlich geht es um Jugendliche, die ohne Hoffnung auf ein gutes Leben aufwachsen, die sich den Tag mit Diebstählen, Spritztouren und Drogen vertreiben, und von denen fast keiner seinen 30. Geburtstag erlebt. Schauplatz ist das «Barrio Chino», das Rotlicht-Viertel von Palma de Mallorca, im Jahr 1980. Hauptdarsteller ist Gabi Beltrán selbst. In acht Comic-Episoden und sechs Prosa-Passagen rollt Beltrán auf, wie er sich – im Unterschied zu seinen Freunden – von jener kleinen, traurigen und schmutzigen Welt löst, und die Laufbahn einschlägt, die ihn zu einem profilierten Comic-Autor macht (unter anderem publizierte er in STRAPAZIN #74 vom März 2004).

Der Weg zu dieser Trennung beginnt für Gabi aufregend: Es ist der Sommer 1980, «als wir anfingen, schneller als die meisten Jungen in unserem Alter zu leben», erinnert sich Beltrán. Was für den 14-Jährigen vergleichsweise harmlos anfängt mit der Vermittlung zwischen Matrosen und Prostituierten, dem Knacken von Spielautomaten oder einem Bordellbesuch, steigert sich zu Ladenüberfällen und Autodiebstählen. Als eine Polizeistreife einen Einbruchversuch vereitelt, erleidet Gabi einen Streifschuss. Von nun an reagiert er zunehmend mit Unruhe, Wut und Unverständnis auf seine Umwelt. Als seine Freunde dem Heroin erliegen und die Gewalt zuhause nicht abnimmt, bricht er den Kontakt ab.

Beltrán schildert die Ablösung subtil: Er hält sich mit moralischen Urteilen zurück, achtet auch jene, deren Leben unglücklich verläuft, und beschönigt trotzdem nichts. Unverstellt beschreibt er, wie radikal er sich von Freunden und Familie trennte, und lässt den Leser dennoch spüren, dass er mit seiner Vergangenheit Frieden geschlossen hat.

Bartolomé Seguís Zeichnungen unterstützen diesen Eindruck: Die klassisch-«belgisch» anmutenden Figuren, die schönen Landschaften und die dezenten Farben wirken zunächst eher zu niedlich für so harte Themen wie Drogensucht und Jugendkriminalität – doch genau dadurch verdeutlichen sie die Kernaussage: Auch ein unschönes Leben ist ein normales und lebbares Leben.

Florian Meyer

Gabi Beltrán, Bartolomé Seguí: «Geschichten aus dem Viertel».
Avant-Verlag, 152 S., farbig, Softcover,
Euro 19.95 / sFr. 30.–

 

 

 


 

«Geschichten aus dem Viertel»
 

Der Mut zum Leben und die Katastrophe

Fukushima im Frühjahr 2011 – zuerst die Flutwelle, dann der Reaktor. Die Bilder jener Katastrophe prägten sich weltweit in die Gedächtnisse ein – schockartig wie wohl keine mehr seit den Terroranschlägen auf die New Yorker Zwillingstürme zehn Jahre zuvor. Von den Katastrophenbildern ist im Comic «Die Kirschbäume blühen trotz allem» (frz. «Les cerisiers fleurissent malgré tout») wenig zu sehen. Die Japanerin Keiko Ichiguchi schildert das Fukushima-Drama vielmehr, indem sie dem alltagsbezogenen Stil der Josei-Manga («Comics für Frauen») folgt und Menschen im Wechselbad ihrer Gefühle vorstellt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Itsuko Sonoda, eine japanische Journalistin, die mit ihrem Lebenspartner Angelo, einem Comic-Autor, in Italien lebt. Itsuko teilt viele Züge mit der Autorin, die in Bologna wohnt und arbeitet, ist jedoch nicht mit ihr identisch.

Wie die Flutwelle über die Ostküste Japans so bricht die «Lawine katastrophaler Nachrichten» schlagartig über Itsuko herein und stellt ihren Alltag in wenigen Minuten auf den Kopf. Soll sie ihre Eltern in Osaka besuchen? Die Stadt liegt zwar weit weg vom Erdbebengebiet, was aber ist mit der Verstrahlung? Die Nachrichtenlage verunsichert zusätzlich. Italienische Medien stellen die Fakten zu­weilen ungenau dar, die japanischen Behörden mitunter gar nicht. Ist es wirklich ein Glück, fernab in Europa zu sein, wenn das Heimatland Not leidet?

Solche Gedanken schiessen Itsuko durch den Kopf, und sie mischen sich mit Erinnerungen an ihre Kindheit. Damals setzte sie sich wegen einer schweren Krankheit intensiv mit dem Tod und dem Sterben auseinander. Vor diesem Erfahrungshorizont verarbeitet Itsuko ihre Ängste. Aufgrund der Konsequenz, mit der Keiko Ichiguchi diese Schockverarbeitung darstellt, könnte man «Les cerisiers fleurissent malgré tout» gut und gerne als «therapeutischen» Comic bezeichnen. Berührend und eindrücklich ist es, wenn zum Beispiel Itsuko beim Sarg ihres Gross­onkels kniet und reflektiert, was Sterben bedeutet. «Der Tod steht den Lebenden immer zur Seite, aber neben dem Tod gibt es auch die Zärtlichkeit des Lebens», sagt sie, und dieses Zitat ist typisch für die ganze Geschichte.

Florian Meyer

Keiko Ichiguchi: «Les Cerisiers fleurissent malgré tout».
Ed. Kana (Dargaud/Lombard), 122 S., Softcover, s/w,
Euro 15 / sFr. 22.50

 

 

 


 

«Les Cerisiers fleurissent malgré tout»
 

Die Macht der Imagination

In seiner Serie «Philémon» erzählte der französische Comic-Altmeister Fred fantastische Geschichten aus einer poetischen Gegenwelt. In Frankreich gehört er längst zu den ganz Grossen des Comics – hierzulande blieb er unbekannt.

Hustend stolpert Philémon, der ewige Jüngling im blauweiss gestreiften Pullover, durch den übel riechenden Nebel, der sich plötzlich über die Gegend gelegt hat. Ein Fremdling, gewandet wie ein zum Zirkusdirektor mutierter Lokomotivführer, führt ihn zur Lokoapattes (Lokomotive mit Pfoten): Sie sei krank und drohe im Sumpf zu ver­sinken. Und schon sind wir mittendrin im neuen Abenteuer von Philémon, «Au train où vont les choses», das – wenige Wochen vor dem Tod seines Schöpfers Fred erschienen – die vor knapp fünfzig Jahren begonnene Serie auf magistrale Weise abschliesst.

Um sich wieder in Bewegung zu setzen, benötigt die Lokomotive, eine hoch sensible Kreuzung aus Lokomotive und Nilpferd, nämlich Dampf. Keinen gewöhnlichen Dampf, sondern «Imaginationsdampf»: Nur eine gute Geschichte bringt sie in Fahrt.

Wo der Poet König ist…
Imaginationsdampf hatte Fred mehr als genug. Seine Comics spielen sich in einem parallelen Universum ab, einem poetischen Utopia, in der die Geschichtenerzähler, Poeten und Fabulierer Könige sind.

Fred, eigentlich Frédéric Othon Théodor Aristides, wurde am 5. März 1931 als Sohn griechischer Einwanderer in Paris geboren. Bereits während seines Studiums arbeitete er für so namhafte Publikationen wie Paris-Match, France Dimanche, Punch und The New Yorker, geriet schon früh in den Dunstkreis des Satirikers und Provokateurs François Cavanna und gehörte 1960, zusammen mit Roland Topor, Reiser und Cabu, zu den Mitbegründern der Satirezeitschrift Hara-Kiri. 1965 bot Fred René Goscinny, dem Chef-Redaktor von Pilote, die erste Geschichte um Philémon an, die erste von insgesamt fünfzehn, die bis 1987 in Pilote vorabgedruckt wurden und nun in einer schmucken dreibändigen Gesamtausgabe vorliegen. Obschon Fred neben «Philémon» auch andere grossartige Comics veröffentlichte, war früh offensichtlich, dass dies das Haupt- und Meisterwerk des kleinen Manns mit dem buschigen Schnurrbart und dem Schalk in den Augen war.

Portal in eine andere Welt
Dank eines Ziehbrunnens pendelt Philémon mit seinem Onkel Félicien und seinem Esel Anatole zwischen seinem Dorf im tiefsten Frankreich und einer fantastischen Inselgruppe hin und her. Jede Insel hat die Form eines Buchstabens des Worts «Océan Atlantique», und sie werden nicht nur vom Schiffbrüchigen Barthélémy und seinem Gefährten, dem Zentauren Vendredi (Robinson lässt grüssen …) bewohnt, sondern auch von bizarren Lebewesen wie Papiertigern und wilden Klavieren.

Auf diesen Schriftzeichen der Fantasie ist alles möglich; Philémons Abenteuer werden angetrieben von purem Imaginationsdampf, von verblüffenden Sprachspielen, von anarchischer Poesie, von melancholischer Komik und nicht zuletzt auch von einer verspielten Reflexion der Comic-Sprache. Kaum einer hat die Syntax der Comics dermassen raffiniert dekonstruiert und den Blick des Lesenden dermassen listig manipuliert und ins Leere laufen lassen wie Fred.

Im Sumpf der Depression
1987, nachdem Fred die ersten zwanzig Seiten des sechzehnten Albums gezeichnet hatte, blieb «Philémon» jedoch stecken wie die Lokoapattes: Eine schlimme Depression führte zu Freds Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Die Genesung brachten allerdings nicht die Ärzte, sondern ein Comic: «L‘Histoire du corbac aux baskets» (1993) ist die in schwermütigen Humor getränkte Ballade um einen Mann, der zur Krähe wird und mit Rassismus, Wahnsinn und dem Kult des Scheins konfrontiert wird.

Es dauerte aber noch knapp zwanzig Jahre, bis Fred das abgebrochene Abenteuer Philémons wieder aufgriff – und es mit einer verblüffenden Volte zum Abschluss brachte und zugleich zum Neubeginn der Serie machte: Philémon und sein Onkel Félicien schaffen es tatsächlich, die Lokoapattes aus dem Sumpf zu befreien und auf ihr neuen Abenteuern entgegenzutraben: Indem sie ihr ganz einfach den Anfang von «Le Naufragé du ‹A›» erzählen, einer der allerersten Philémon-Geschichten. So schuf Fred, kurz vor seinem Tod am 2. April 2013, einen Kreislauf, in welchem seine Imagination für immer und ewig dampfen wird, ohne sich je zu verflüchtigen: inspirierend, unterhaltend, bereichernd.

In Frankreich gilt Fred längst als einer der ganz Grossen, der viele jüngere Autoren, allen voran Joann Sfar, geprägt hat. Im deutschen Sprachraum war Fred allerdings nicht der geringste Erfolg beschieden – seine Mischung aus Fantasie, Humor, Melancholie, Anarchismus und Poesie war für die deutsche Comic-Szene lange zu eigenwillig und fremd, und ob sich heute ein Verlag traut, diesen Schatz zu heben, scheint fraglich.

Christian Gasser

Fred: «Philémon 16: Au train où vont les choses».
Dargaud, 40 S., Hardcover, farbig,
Euro 13.99 / sFr. 21.–

Fred: «Philémon: L‘Intégrale» (drei Bände).
Dargaud, je ca. 280 Seiten, Hardcover, farbig,
je Euro 35 / sFr. 51.70

 

 

 


 

«Philémon 16: Au train où vont les choses»
 

Ein royaler Wachtraum

«Eines Tages flüsterte mein Vater mir ins Ohr: Wisse, Du bist des Königs Sohn.» Auf diesen Satz folgt kein weiteres Wort, sondern ein 90 Seiten langer, mit blauem und schwarzem Kugelschreiber gezeichneter Bildersog, bei dessen erster Lektüre man so überwältigt ist, dass man gar nicht erst dazu kommt, sich zu fragen, ob «Le fils du roi» eine Geschichte erzählt, und wenn ja, was für eine.

Erst beim zweiten und dritten Lesen schält sich neben der visuellen Stringenz auch so etwas wie eine narrative Logik heraus; es geht um eine Frau und einen Mann, es geht um Begegnungen, Beziehungen, Brüche, Trennungen.

«Le fils du roi» sei eine zugleich melancholische  und groteske Geschichte, sagt Eric Lambé selber: «Eine Reflexion über die Zeit, das Licht, das Schöne und das Hässliche, das Akademische und das Ikonoklastische, das Monströse, die Fantasie, das Eingesperrtsein, den Wahnsinn.» Er vergleicht sein Opus auch mit einem Wachtraum. Genau das haben die Zeichnungen dem Betrachter längst zu spüren gegeben: Es sind akkurat gekritzelte Netze aus Kugelschreiberstrichen, die Mutationen und Metamorphosen durchmachen, die Linien zittern und beben, sie rutschen aus und ganz anderswohin, sie bilden vielschichtige Texturen, die schwerelos über den Seiten zu schweben scheinen oder im Gegenteil wie Blei ins Papier gegossen sind. Mit fiebriger Neugierde irrt der Blick durch zwei- und dreidimensionale Labyrinthe ohne Ausweg, durch symmetrische Gesichter und asymmetrische Objekte, durch abstrakte Symbole und beängstigende Räume, mal leer, mal vollgestrichelt.

«Le fils du roi» lebt von den Bildern. Umso interessanter und bedeutsamer ist deshalb, dass Eric Lambé sein Spektakel ausgerechnet und ausschliesslich mit billigen Kugelschreibern inszeniert hat, dem wohl bescheidend-sten und unprätentiösesten Schreibutensil überhaupt. Mit dem Kugelschreiber malt und zeichnet man nicht, mit dem Kugelschreiber schreibt man. Die meisten tun das jedenfalls, bis auf Lambés Frémok-Kollegin Dominique Goblet – auch sie eine Virtuosin des Kugelschreibers – und viele Art-Brut-Künstler, für die der Kugelschreiber wegen seiner Verfügbarkeit ein naheliegendes Werkzeug ist. Auch diese Schnittstellen – zum Schreiben und zur Art Brut – sucht Lambé auf, auch wenn seine Bilder bei aller manischen Ausstrahlung in Wahrheit virtuos und sehr bewusst artikuliert und durchkomponiert sind.

«Le fils du roi» ist ein Meisterwerk. Es ist auch der heute wieder einmal notwendige Beweis, dass der Comic zwar eine grossartige Ausdrucksform zum Erzählen interessanter Geschichten ist – aber nicht nur: Man kann auch eigenwillige, eindrückliche, faszinierende, atmosphärische, dichte Bildwelten schaffen, die ohne eindeutig nachvollziehbaren Plot aussagekräftig und bereichernd sind.

Christian Gasser

Eric Lambé: «Le fils du roi».
Frémok Editions, 90 S., Hardcover, farbig,
Euro 33 / sFr. 45.–

 

 

 


 

«Le fils du roi»
 

Kammerspiel im Bürgerkrieg

Die libanesische Zeichnerin Zeina Abirached ist ein Kind des Krieges. Ihre Heimatstadt Beirut befand sich von 1975 bis 1990 im Kriegszustand und war auch danach immer wieder Kampfhandlungen ausgesetzt – zuletzt im Jahr 2006. Abiracheds Kindheit ist geprägt davon. 1981 geboren, wohnte sie in unterschiedlichen Häusern, musste mit ihren Eltern in immer neue Wohnungen wechseln, weil die vorherige zerstört wurde. Ihr Comic «Das Spiel der Schwalben» umkreist diese Lebensumstände eindrucksvoll. Auf der Ebene der erzählten Zeit auf nur einen Abend konzentriert, flechtet Abirached kunstvoll die Situation im Ganzen ein: Während sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder auf die Eltern wartet, die zwei Strassen weiter bei der Grossmutter sind, versammeln sich nach und nach alle Hausbewohner im Wohnungsflur der Abiracheds. Dieser Flur ist der sicherste Ort des Hauses und wird allabendlich von den Nachbarn aufgesucht. Er ist zugleich der letzte bewohnbare Raum der einst grossen Wohnung der Abiracheds. Dort erzählt die illustre Gesellschaft von früher, vom Krieg und von ihren Plänen, während die Angst um Zeinas Eltern und der Klang der Granaten für Anspannung sorgen.

So wenig wie Zeina Abirached mit ihrem lakonischen Kammerspiel inmitten eines tobenden Bürgerkrieges auf eine akkurate Abbildung der chaotischen Zustände in der libanesischen Millionenstadt abzielt, so wenig will sie das auf der Bildebene. Ihre kontrastreichen Zeichnungen umspielen die Absurditäten des Krieges mit ornamentalen Entwürfen, die den Krieg wie ein absurdes Brettspiel anmuten lassen. Passend dazu erzählt der Comic mit trockenem Humor vom Schrecken. Das und die Schwarzweiss-Zeichnungen haben Abirached schon viele Vergleiche mit Marjane Satrapis «Persepolis» eingebracht. Aber wo Satrapi den grossen Bogen spannt, geht sie ins kleinste Detail. Und wo Satrapi betont kindlich zeichnet, wird Abirached symbolhaft. Beide Ansätze sind auf ihre ganz eigene Weise geprägt von der subjektiven Sicht eines jungen Menschen auf einen nur schwer begreifbaren Irrsinn.

Christian Meyer

Zeina Abirached: «Das Spiel der Schwalben».
182 S., s/w, Softcover,
Euro 19.95 / sFr. 28.40

 

 

 


 

«Das Spiel der Schwalben»

Waschmaschine im Schleudergang

Nao Brown arbeitet und lebt in London als Illustratorin und Teilzeitangestellte in einem Geschäft für japanisches Design-Spielzeug. Sie ist halb Britin, halb Japanerin (eine sogenannte «hafu») und leidet an einer Zwangsstörung, die sich in Mordfantasien ausdrückt. Mit einer Art Richterskala bewertet sie jeweils das Ausmaß ihrer Neurose («acht von zehn», denkt sie und bricht dem Taxifahrer in Gedanken das Genick). Objekte wie Kugelschreiber machen ihr Angst, jeden Augenblick befürchtet sie damit Menschen in ihrer Nähe zu erstechen. Die Scham vor diesen Gedanken ist erheblich, noch größer ist allerdings die Angst, dass sich die Fantasien in Realität verwandeln. Was ihre Krankheit in Schach hält sind Meditations­stunden, das kontemplative Zeichnen von Kreisen, die an eine Waschmaschine im Schleudergang erinnern und die Liebe für japanische Spielzeugfiguren, die der Autor liebevoll über das ganze Buch verstreut. Nao lebt zurückgezogen und sehnt sich nach der großen Liebe. Diese glaubt sie in Gregory zu finden, einem Bären von einem Mann, der sich als Waschmaschinenmonteur, Philosoph und Trinker betätigt und der Naos Lieblingsfigur aus dem fiktiven Manga «Ichi» ähnlich sieht. Obwohl das Verhältnis zwischen den beiden kompliziert ist, lernt Nao, sich selbst und ihre Umgebung zu akzeptieren.

Der Brite Glyn Dillon begann seine Karriere als Comic-Zeichner, entwickelte dann Storyboards für Film und Fernsehen und hat nun seinen ersten Comic-Roman veröffentlicht. Dillons Stärke liegt in seinen mit Wasserfarben gemalten detailgetreuen Bildern und der starken Charakterisierung der Hauptfiguren. Unheimlich sind die Augenblicke, in denen die fragil wirkende Nao sich in eine Mörderin verwandelt. Figuren wie Naos bester Freund Steve oder der sanfte Gregory wachsen einem ans Herz. Umso ärgerlicher sind die teilweise abgegriffenen Geschichten und die buddhistischen Weisheiten, die Nao und Gregory von sich geben. Szenen aus Naos Lieblings-Manga über ein Baumwesen namens Piktor (zeichnerisch an Moebius und den Anime-Regisseur Miyazaki angelehnt) soll als Parabel verstanden werden, zieht jedoch die Geschichte unnötig in die Länge. Denn Glyn Dillon vermag mit seinen Bildern mehr auszusagen als mit seinen Worten.

Giovanni Peduto

Glyn Dillon: «The Nao of Brown».
SelfMadeHero, 208 S., Hardcover, farbig,
£ 16.99.

www.naobrown.com
www.ichi-anime.jp

 

 

 


 

«The Nao of Brown»

Surfen mit Ausserirdischen

Der Erzähler in «Blue», einem Comic des Australiers Pat Grant, ist ein unbeschwert in den Tag hinein lebender «Bogun», eine Art australischer Redneck, der uns mit manchmal subtilen, manchmal eher schlüpfrigen Erinnerungen aus den «guten alten Zeiten» seiner Kindheit in der fiktiven Hafenstadt Bolton erzählt, vom Abhängen im Drugstore an der Ecke und vom Schule-Schwänzen, wann immer die grossen Wellen an den Strand donnerten. Die Geschichte dreht sich einerseits um den Tag, an dem der Erzähler und seine Kumpels sich aufmachen, die Leichenteile zu suchen, die nach einem Unfall entlang der Eisenbahn­strecke verstreut sein sollen, andererseits um die Jahre, als die «gute alte Zeit» plötzlich nicht mehr so gut ist, weil eine Gruppe von Einwanderern in die Stadt zieht. Fremde, «Aliens», die sich nicht anpassen wollen.

In «Blue» sind die Fremden tatsächlich Ausserirdische: schräg aussehende, mit mehreren Beinen ausgestattete Neuankömmlinge, die merkwürdige Teigwaren essen, rätselhafte Graffiti an die Wände malen und sich niemals in die Gemeinschaft der Alteingesessenen einfügen werden. «Blue» lässt offen, woher die nicht wirklich menschlich wirkenden Lebewesen kommen, und auch, wer sie sind. Überhaupt tauchen sie in den Bildern gar nicht oft auf, was der Geschichte einen speziellen Reiz gibt. Dieser Comic ist sehr dynamisch gezeichnet (er erinnert an Jim Woodring, Dave Cooper, Roger Langridge oder an japanische Holzschnitte) und hervorragend erzählt. Es geht um das Heranwachsen, um soziale Veränderungen, Klassenunterschiede, Rassenprobleme und speziell auch um Erinnerung und Reue. Grant schafft es, komplexe Themen wie Immigration und Fremdenfeindlichkeit zu behandeln, ohne dabei die Weltsicht seines ziemlich rassistischen Erzählers zu denunzieren oder polemisch zu werden.

«Blue» ist ein gut durchdachtes Buch eines intelligenten Künstlers, der geschickt den Fettnäpfchen ausweicht, in die andere Jungautoren gerne treten. Noch Tage nach der Lektüre tauchen Fragmente aus seiner Geschichte im Kopf des Lesers auf und erinnern ihn daran, wie souverän Grant schwierige Themen mit leichter Hand zu Papier bringt. Der Titel des Buches hingegen gibt Rätsel auf – bezieht sich «Blue» auf die Hautfarbe der Ausserirdischen, die Farbe der Wellen oder die Stimmung des Erzählers, als er sich an seine Jugend erinnert?

Grant beweist sein Erzähltalent auch im klugen Essay hinten im Buch, einem revisionistischen Abriss der angloamerikanischen Comic-Geschichte aus der Perspektive eines jugendlichen Surfers der zwischen 1975 und 1985 geborenen «Generation Y», aufgewachsen auf der anderen Seite der Welt. Grant hat auch ein paar eher unkonventionelle Ideen bezüglich Copyright und erklärt uns im Anhang, warum er sich entschlossen hat, «Blue» auf seiner Website kostenlos in ganzer Länge zu zeigen. Aber da der Verlag Top Shelf ein derart schön gestaltetes Buch gemacht hat, wäre es jammerschade, nicht die Papier-Version zu kaufen.

Mark David Nevins

Pat Grant: «Blue».
Top Shelf Books, 96 S., Hardcover, dreifarbig (grau, braun, blau),
ca. 20 Dollar

 

 

 


 

«Blue»

Über den Dächern des Louvre

Für einen actiongeladenen Comic über einen spektakulären Kunstraub hat sich das französische Duo Ruppert & Mulot (deren Werk «Affentheater» bei Edition Moderne erschienen ist) mit dem Autor und Zeichner Bastien Vivès («Der Geschmack von Chlor», «Polina») zusammengetan. Entstanden ist eine bissig schwarze Komödie über eine vertrackte Frauenfreundschaft, gespickt mit Stunts und Schießereien. Angelehnt an Kriminalfilme wie Hitchcocks «To Catch a Thief» (mit einer Prise Tarantino) oder Tsukasa Hojos Manga-Serie «Cat’s Eye» erzählt «La Grande Odalisque» die Geschichte der Einbrecherinnen Alex und Carole, die renommierte Kunstmuseen mit professionellem Geschick, technischen Hilfsmitteln und akrobatischer Leistung ausrauben. Wenn sich Alex während eines Einbruchs im Musée d’Orsay mit ihrem Ex-Freund am Telefon streitet und Carole um Rat bittet, wird klar: Ein Meisterwerk wie Manets «Frühstück im Freien» zu stehlen, ist für die beiden reine Routine. Spaß an ihrer Arbeit finden sie aber, wenn es brenzlig wird. Darum können sie ihren nächsten Auftrag nicht ablehnen: Sie sollen im Louvre die «Große Odaliske» des Franzosen Ingres stehlen bzw. – wie Alex bemerkt – das Gemälde mit dem «Mädel mit dem langen Rücken» (das Gemälde ist unter anderem bekannt für die unrealistischen Körperproportionen der abgebildeten Haremsdienerin). Für dieses Unterfangen benötigen sie einen ausgeklügelten Plan und eine zusätzliche Hilfskraft wie die Motorrad-Akrobatin Sam. Es ist eindrücklich, wie den Autoren mit einfachen Mitteln gelingt, den Leser in ein fulminantes Finale mitzureißen. Kein Heist-Movie ist spannender. «La Grande Odalisque» ist eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Ruppert & Mulot – zuständig für Kulisse und Figuren – und Vivès, der den drei Frauen ein hübsches Gesicht mit einer weniger gelungenen Mimik verpasst hat. Auch wenn die Gestaltung weniger rebellisch und innovativ ausfällt als Ruppert & Mulots ältere Werke, ist es vielleicht Vivès’ Einfluss zu verdanken, dass aus diesem Buch ein unterhaltender Action-Autoren-Comic geworden ist.

Giovanni Peduto

Vivès / Ruppert & Mulot: «La Grande Odalisque».
Aire Libre, 122 S., Hardcover, farbig,
Euro 20 / sFr. 30.90

Vivès / Ruppert & Mulot: «Die Grosse Odaliske».
Reprodukt, in Bearbeitung, 128 S., farbig,
Euro 18

www.succursale.org
www.bastienvives.blogspot.ch

 

 

 


 

«La Grande Odalisque»

Manga der anderen Art

Yoshihiro Tatsumi ist ein Manga-Zeichner, der überhaupt nicht dem im Westen vorherrschenden Manga-Klischee entspricht. Der u. a. mit zwei Eisner Awards geehrte Ausnahme-Manga-Zeichner widmet seine Geschichten menschlichen Tragödien, deren Protagonisten sich zwar mitten in der menschlichen Gesellschaft befinden, aber aufgrund ihrer geheimen Vorlieben, Obsessionen oder Neigungen eigentlich abseits dieser stehen. «Geliebter Affe und andere Offenbarungen» versammelt Kurzgeschichten, die in den Jahren von 1970 bis 1990 erschienen sind. Dabei blickt Tatsumi unter die Oberfläche der japanischen Gesellschaft und präsentiert ein realistisches sowie ungeschöntes Bild ihrer Mitglieder. Tatsumi ist der Erfinder der «Gekiga», der Manga für Erwachsene. Ermutigt dazu wurde er von Osamu Tezuka persönlich, der in der gleichen Stadt wie Tatsumi gelebt hat, nachzulesen in seinem sehr zu empfehlenden autobiographischen Manga «Gegen den Strom». Tatsumi präsentiert ein verstörendes Bild der japanischen Gesellschaft, das sich aber im Grunde nicht unterscheidet von westlichen urbanen Kulturen. In Tatsumis Kurzgeschichten spiegeln sich die Traumata Japans wider: der Atombombenabwurf, die chinesische und amerikanische Besatzung, und vor allem der schnelle Wandel von einer traditionellen Agrar- hin zu einer modernen Industriegesellschaft. Wobei in Japan die Moderne nie völlig die Tradition verdrängen konnte. Aber wahrscheinlich genau aus diesem Grunde ist die westliche Kulturlandschaft so fasziniert von Japan, von dieser Ambivalenz, die sich auch in Tatsumis Manga findet. «Geliebter Affe» ist ein schockierendes Sittengemälde einer Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruches, von der wir uns im Westen nicht weit entfernt befinden.

Matthias Schneider

Yoshihiro Tatsumi: «Geliebter Affe und andere Offenbarungen».
Carlsen Verlag, 320 S., Softcover, s/w,
Euro 19.90 / sFr. 28.50

 

 

 


 

«Geliebter Affe und andere Offenbarungen»

Klassiker neu entdecken

Die mehrfach ausgezeichnete Illustratorin und Buchgestalterin Franziska Walther hat sich einem Klassiker der deutschen Literatur gewidmet, nämlich Kurt Tucholsky. Manch einer wird nun zusammenzucken, denn er wurde in der Schule mit den Texten zur Genüge malträtiert. Es lohnt sich aber, diese besondere Publikation zu beachten. Erst recht, wenn man Tucholsky kaum oder gar nicht kennt. Denn Walther hat vier der sicherlich schönsten und bissigsten Texte Tucholskys ausgewählt, um sie mit ihren visuell starken und farbenprächtigen Illustrationen zu kombinieren. Tucholsky hat die Kurzgeschichten unter den Pseudonymen Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und Kaspar Hauser veröffentlicht, um in einer jeden in eine andere Rolle schlüpfen zu können. Er kritisiert äusserst humorvoll und pointiert Kirche und Staat, stellt Werte und Moral der menschlichen Gesellschaft in Frage und ermutigt den Leser, sich über Konventionen hinwegzusetzen. Tucholskys Texte haben an Aktualität nichts eingebüsst, im Gegenteil, wenn man z. B. «Die Zeitsparer» liest, erschrickt man über die Vorahnung des Schriftstellers bezüglich gesellschaftlicher Entwicklungen. Virtuos nimmt Walther die künstlerische Besonderheit Tucholskys auf und lässt sie in ihre Zeichnungen einfliessen. Surreale und absurde Darstellungen unterstreichen die Aussagen von Tucholskys Texten, unterwerfen aber das geschriebene Wort nicht dem Bild, sondern führen es weiter und ergänzen es um eine weitere Ebene. «Der Zeitsparer» ist ein Buch, das den Leser einen Klassiker neu entdecken lässt. Und zwar auf eine solch ansprechende visuelle Art, dass man das Buch gar nicht mehr aus den Händen legen möchte, sondern immer wieder die äusserst gelungene Verbindung von Wort und Illustration bestaunt. Sehr empfehlenswert!

Matthias Schneider

Franziska Walther (Ill.) & Kurt Tucholsky:
«Der Zeitsparer. Grotesken von Ignatz Wrobel».
Kunstanst!fter Verlag, 104 S., Hardcover, farbig,
Euro 18 / sFr. 25.90

 

 

 


 

«Der Zeitsparer. Grotesken von Ignatz Wrobel»

Gothic Girl

Fünf Jahre mussten die Fans von Lise Myhres Gothic-Girl Nemi auf einen neuen Band warten. Warum, ist nicht so ganz klar, zumindest ein Teil des enthaltenen Materials scheint nämlich schon älter zu sein. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die norwegische Serie im deutschsprachigen Raum immer noch relativ unbekannt ist. Das, obwohl Nemi nicht nur in ihrem Heimatland seit ihrer Entstehung 1997 stetig erfolgreicher geworden ist. Mittlerweile erscheinen Nemi-Strips in etwa 150 europäischen Tageszeitungen und Magazinen, in Norwegen erscheint ausserdem eine nach ihr benannte monatliche Comic-Anthologie, und in ganz Skandinavien ist Nemi längst zum Klassiker geworden.

Über die Jahre haben sich weder die Serie noch die Titelfigur wesentlich verändert: Nemi ist weiterhin zu Hause in ihrer Welt aus 80er-Jahre Heavy Metal, Fantasy-Romanen, Kneipen-Touren und einer grossen Leidenschaft für Süsskram. Und ebenso steht ihr immer noch ihre beste Freundin Cyan – ihre Verbindung zur Welt der «Normalos» – zur Seite. Vielleicht gibt es im dritten Band etwas weniger Szene- und «Nerd»-Themen und mehr Alltagsgeschichten. Andererseits hat Nemi immer schon viel Witz daraus gezogen, dass sich auch ein weiss geschminktes und schwarz gekleidetes Metal-Girl mit alltäglichen Problemen herumschlagen muss, wie der Steuererklärung, Shopping-Sucht und Macho-Gehabe. Ein deutlicher Unterschied zu den älteren Geschichten ist dagegen, dass hier nicht mehr immer nur auf eine Pointe zugesteuert, sondern zwischendurch auch mal über das Leben philosophiert wird. Nemi scheint also doch etwas älter geworden zu sein.

Besonderen Charme verleihen der Serie aber auch die tollen Zeichnungen. Besonders, wie Nemi aus ihrer unnahbaren, kühlen Art plötzlich in extreme Gefühlsausbrüche wie absolute Verzückung oder grenzenlosen Zorn verfallen kann – und so selbst ihre Coolness untergräbt – ist mit wunderbar übertriebener Mimik dargestellt, die an klassische Cartoons oder stellenweise sogar Manga erinnert. Lise Myhre stellt überhaupt die verschiedensten Dinge mit ihrer Titelheldin an: Auf ganzseitigen Zeichnungen, die immer wieder zwischen den Comic-Strips eingebaut sind, erscheint Nemi auch mal als Spinnenfrau, Kriegerin oder Tarot-Karte.

Nicht nur Metal- und Fantasy-Fans, sondern auch so ziemlich alle anderen, die darüber hinwegsehen können, dass nicht jede Pointe zündet oder ein Strip auch mal purer Nonsens ist, dürfte dieser Band bestens unter­halten. Höchste Zeit, dass Nemi auch hierzulande mehr Beachtung findet.

Jan Westenfelder

Lise Myhre: «Nemi. Band III».
Ubooks, 144 S., Hardcover, s/w,
Euro 14.95 / ca. sFr. 22.–

 

 

 


 

«Nemi. Band III»