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- Señor Quijote, im Roman, in dem Sie den Helden
geben, werden Sie als einer beschrieben, der zuviel gelesen hat. Der,
ich zitiere: "...die Nächte vom ersten bis zum letzten Dunkel und
die Tage von der ersten bis zur letzten Helle lesend verbrachte", weswegen
"ihm vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen das Gehirn solcherart austrocknete,
dass er schliesslich den Verstand verlor." Stimmt das wirklich?
- Lieber Samsa, das ist natürlich blanker Unsinn. Es stimmt schon, dass
mich das viele Lesen etwas verwirrt hat. Aber stellen Sie sich mal eine
ärmliche Existenz als Landedelmann im kargen Inneren Spaniens vor, als
kleiner Latifundienbesitzer, der den ganzen Tag nichts anderes tun kann
als Schweine zu vögeln, im übertragenen Sinne. So kam ich zum Lesen, was
blieb mir anderes übrig. Und mein Kopf füllte sich mit all dem Wunderbaren,
von dem ich erfuhr. Edle Ritter, Verzauberungen, Händel, Schlachten, Fehden,
Wunden, Artigkeiten, Liebe, Widerwärtigkeiten. Ich wurde nicht verrückt,
nein, ich wurde durchs Lesen sozusagen zum vollständigeren Menschen.
- Señor Quijote, sind denn nicht all die Menschen, die mit Büchern
zu tun haben, die abgefeimtesten Schurken? Die Kritiker, die zerreissen,
weil sie vom Neid zerrissen werden? Die Schreiberlinge, die ihr armseliges
Leben plündern und darüber vergessen zu leben? Die Verleger,
die Schmeissfliegen gleich am liebsten über Aas schwirren, um sich
dort ihren Teil zu holen ..?
- Liebster Samsa, was reden Sie da? Haben Sie vielleicht ein Manuskript
eingereicht und eine Absage bekommen? Schauen Sie doch und lernen Sie.
Wie man aus wenig viel machen kann, mit einem einfachen literarischen
Trick, das zeigt uns der noch junge Autor Andrés Barba aus Madrid.
Er lässt in seinem Roman eine Fünfzehnjährige erzählen,
der man jegliche Naivität und jedes schräge Bild abnimmt. Dieser
Teenager, dessen Name man nicht erfährt, hat eine fünf Jahre
ältere Schwester, die sich unglücklich verliebt hat, ihren Job
in einem Gemüseladen aufgibt und in einem Stripteaseschuppen zu tanzen
beginnt. Das findet die Mutter gar nicht gut. Was etwas überrascht,
denn besagte Frau Mama geht selber auf den Strich. Jetzt stellen Sie sich
vor, Samsa, was für ein grobes oder derbes Stück andere junge
Literaten aus den Motiven Striptease und Prostitution gemacht hätten.
Nicht so Barba. Seine Heldin erzählt quasi engelsrein weiter: Wie
sie sich selber auch verlieben will, dabei aber an einen amerikanischen
Bibel-Missionierer gerät. Wie Katia immer weitergehende Dienste im
Stripteaseclub leisten muss und anfängt, Kokain zu schnupfen. Wie
es deswegen verdammten Krach in der Familie gibt. Wie die Grossmutter
verrückt wird und wie Katias Schwester dennoch die Familie zusammenhält.
Sie suchen ja alle nur nach ein bisschen Glück, nicht mehr. Am Schluss
des Romans, der einigermassen ergreifend ist, sieht es diesbezüglich
nicht allzu düster aus. Merken Sie sich den Autor, Samsa, er ist
auch als Mann, der nur über Frauen schreibt, nicht peinlich!
Andrés Barba: "Katias Schwester", Kunstmann Verlag,
220 Seiten, 17 Euro, Sfr. 30.80
- Señor Quijote, nicht jede Frau kann eine Dulcinea sein. Sicher
kennen Sie die Mujeres Libres. Die anarchistisch-feministische Gruppe
gründete sich kurz vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs,
um sich zwei Zielen zu widmen: Der sozialen Revolution und der Verbesserung
der Situation der Frauen. In den drei Jahren ihres Bestehens hatten die
Freien Frauen über 20 000 Mitglieder in über 150 Ortsgruppen.
Sie gaben eine eigene Zeitschrift heraus, hielten Bildungskurse für
Frauen ab, unterstützten die Frontkämpfer und eigene Kolonnen
von Frontkämpferinnen gegen Franco und die Nazis. In der Geschichtsschreibung
über den Spanischen Bürgerkrieg tauchen dieses Engagement und
die wichtige Rolle der Frauen nur am Rande auf. Die Historikerin Vera
Bianchi hat sich eingehender damit beschäftigt und auch vor Ort geforscht.
Sie hat ein sehr umfassendes und informatives Buch über die Mujeres
Libres und ihr Schicksal auch nach Francos Sieg geschrieben.
Vera Bianchi: "Feministinnen in der Revolution". Unrast
Verlag, 160 Seiten, 14 Euro, Sfr. 25.-
- Liebster Samsa, kennen Sie zufälligerweise die Fotografie mit den weinenden
jungen Frauen an der Beerdigung von Buenaventura Durruti, unserem anarchistischen
Lieblingshelden? Die seltsam wohlgekleideten, hübschen jungen Damen stehen
am Strassenrand, schluchzen in ihre Nastücher und heben die Fäuste in
die Luft, während eine halbe Million Menschen in Barcelona dem Sarg Durrutis
folgt. So was wünsche ich mir auch für meine Beerdigung. Die einzige und
herausragende Biographie von Durruti hat der spanische Anarchist Abel
Paz verfasst: "Durruti. Leben und
Tode des spanischen Anarchisten". Edition Nautilus, 736 Seiten, 25 Euro,
Sfr. 42.50
- Señor Quijote, wenn wir schon beim spanischen Bürgerkrieg
respektive der spanischen Revolution sind, was sind denn die informativsten
und spannendsten Werke darüber?
- Nun, Genosse Pancho Samsa, ob diese
beiden Bücher auf dem so kurzlebigen Büchermarkt überhaupt
noch lieferbar sind, weiss ich nicht. Jedoch steht für mich fest,
dass Ramon Josˇ Sender mit "Sieben rote Sonntage" den herausragenden Roman
über die spanische Republik geschrieben hat. Natürlich war Sender
Anarchist. 1991 ist das Buch seinerzeit auf Deutsch im Zürcher Rotpunktverlag
erschienen. Als politisch hellsichtigsten Chronisten der versuchten spanischen
Revolution lasse ich den deutschen Anarchosyndikalisten Rudolf Rocker
gelten. In seiner recht kurzen Abhandlung "Die spanische Tragödie"
(Karin Kramer Verlag, Berlin 1976) erklärt er ganz genau, welche
internationalen Interessen eine Rolle spielten im Bürgerkrieg, wie
sich die Rivalität zwischen Kommunisten und Anarchisten ausbildete
und, ähem, na gut, auch Augustin Souchys "Nacht über Spanien"
müsste man erwähnen und eventuell auch ...
- Halt, Señor Quijote, das soll genügen. Ist denn dann nicht
seit dem Tod des Henkersknechts Franco 1975 die spanische Kultur recht
eigentlich nach allen Seiten hin explodiert? Nach jahrzehntelangem Stillstand
musste plötzlich furchtbar viel nachgeholt werden.
- Richtig, Panchito mio, die literarische Post- und Telekom-Moderne brachte
in Spanien immer wieder ein paar schöne späte Blüten zum
Blühen. Als Beispiel mag etwa ein netter Roman von Rafael Reig gelten,
der eine gekonnte Mischung aus Zukunftsvision, Krimi, Western, Porno und
Avantgarde darstellt. Mitten im 21. Jahrhundert haben die Kommunisten
in Spanien die Wahlen gewonnen, worauf sofort die Amerikaner einmarschieren.
Das Öl ist alle, und aus den Strassen sind Wasserwege geworden. Man
fährt per Schiff oder per Velo. Der Privatdetektiv Carlos Clot hat
gleich drei Fälle auf einmal am Hals, die aber natürlich alle
mysteriös miteinander verbunden sind. Ein Vater sucht seine Tochter,
ein Ehemann verdächtigt seine Ehefrau der Untreue und einem Schriftsteller
ist eine Romanfigur davon gelaufen. Spuren führen bald zu einer Fabrik,
die verbotene genetische Experimente durchführt. Bevor das Ganze
unübersichtlich wird, greifen weitere Romanfiguren ins Geschehen
ein, und schliesslich muss der wackere Detektiv Clot gar den Roman "Ueberall
Blut" selber zu Ende schreiben. Ein Trash-Roman mit Haltung sozusagen,
bester Samsa, ironisch und recht lustig!
Rafael Reig: "Überall Blut". Verlag Rogner & Bernhard,
221 Seiten, Sfr. 39.-
- Aber, Señor Quijote, über all dem wollen wir doch nicht
vergessen, dass Ihr im 74. Kapitel eines der grossartigsten Romane, den
die Welt je gesehen hat, plötzlich wieder gesund werdet von allerlei
literarischer Verblendung, allerdings erst auf dem Totenbett. Und fast
gelingt es dem Pfarrer, Eure Wiederaufstehung zu verhindern. - Werter
Pancho Samsa, darüber reden wir in der nächsten Sendung. Miguel
de Cervantes Saavedra: "Don Quijote de la Mancha", in jeglicher Aufmachung
lesenswert.
Wolfgang Bortlik.
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