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Das Magazin |
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Wie ein gefrässiger Drache |
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Unvermittelt taucht er hinter Jean-Christophe auf, in Gestalt
eines prächtigen Drachens mit gefrässigem Maul: Der epileptische
Anfall, der den Jungen wild zuckend zu Boden reisst. Derweil steht der
kleine Bruder David daneben, erschrocken, manchmal auch staunend oder
traurig - immer aber hilflos. Jean-Christophes Krankheit versetzt das
Leben der Familie Beauchard in einen ständigen Ausnahmezustand. Seine
Anfälle bestimmen den Lebensrhythmus, an Normalität ist nicht
zu denken, und weil die Familie immer wieder umzieht, um näher bei
einem bestimmten Therapeuten zu sein oder der Intoleranz verständnisloser
Nachbarn zu entfliehen, taucht David immer tiefer in seine von literarischen
Figuren und Fabelwesen bevölkerte Fantasiewelt ein. Mit "L'Ascension
du haut mal" setzt David B., ein Gründungsmitglied von L'Association,
im Genre der Comic-Autobiographie neue Masstäbe: Eine schonungslose
Auseinandersetzung mit der Epilepsie seines Bruders und ihrer Wirkung
auf das Leben der Familie und sein eigenes Aufwachsen, die darüber
hinaus einen aufschlussreichen Einblick in die spirituellen Verwirrungen
der sechziger und siebziger Jahre gewährt. Durch den sich anbahnenden
Zerfall der gesellschaftlichen und religiösen Werte desorientiert
und enttäuscht von der Schulmedizin, suchten die Eltern, ein aufgeschlossenes
Lehrerpaar, Jean-Christophes Heil in esoterischen Entwürfen, asiatischen
Lehren, Makrobiotik, Anthroposophie, allerhand anderen Sekten bis hin
zu Spiritismus und Alchemie - all dem also, was später zu New Age
verschmolz. In diesem Prozess schälte sich David B.s künstlerische
Persönlichkeit heraus. Der Gewalt von Jean-Christophes Anfällen
setzte er schon früh, als eine Art "zeichnerische Epilepsie", gewalttätige
Comics über blutrünstige Mongolenhorden und andere Kriegsgemetzel
entgegen. Später saugte er alles auf, was er sah und hörte und
las, jede spirituelle Gedankenwelt, jede noch so abstruse esoterische
Theorie, und da keine die Leiden seines Bruders zu lindern vermochte,
verhärtete sich sein Skeptizismus. Ausserdem schärften die epileptischen
Krisen seinen Blick für das Unsichtbare und seinen Sinn für
das Unerklärliche. Bis heute ist David B. Agnostiker, bis heute ist
aber seine Faszination für Religionen, Mythologien und Esoterik ungebrochen
und inspiriert viele seiner Geschichten. In seinen Zeichnungen bildet
er die Realität nie nur ab, sondern deutet sie, überhöht
sie metaphorisch und findet Bilder selbst für die abstraktesten Gedanken.
Damit hat er einen Kosmos von grosser inhaltlicher und graphischer Eigenständigkeit
geschaffen, auch wenn er sich durchaus zu einer klassischen, narrativen
Bande Dessinée bekennt und sich gerne - immer sehr frei allerdings - populärer
Genres wie Abenteuer, Historie, Krieg oder Western bedient. Mittlerweile
gehört David B. zu den bekanntesten Vertretern der neuen Autorengeneration,
er ist enorm produktiv und arbeitet mit denselben Ansprüchen für
L'Association wie für grosse Verlage. Sein interessantestes und dichtestes,
da persönlichstes Werk ist ohne Zweifel das sechsbändige, knapp
350 Seiten starke "L'Ascension du haut mal", an dem er während sieben
Jahren gearbeitet hat. Allein die Reise durch die okkulten Welten der
Esoterik von damals, die er um historische Zusammenhänge und die
Biographien der Vordenker und Gurus ergänzt, ist höchst faszinierend.
Beeindruckend ist auch, wie unsentimental David B. die Epilepsie und ihre
Wirkung auf sein Aufwachsen schildert, obschon seine Schwester Florence
und er doch einiges durchgemacht haben. Gerade um die Sommerferien in
makrobiotischen Landkommunen inmitten selbstgefälliger Gut- und Nochbessermenschen
beneidet man sie wahrlich nicht É |
David B. ist der Stargast des Luzerner Comic-Festivals Fumetto (1.-9. Mai), mehr Infos unter www.fumetto.ch |
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Chester Browns zögernder Revolutionär |
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Ein 240-seitiges Comicbuch über das Leben eines Revolutionärs
im 19. Jahrhundert, den ausserhalb von Kanada niemand kennt, garniert
mit regionalpolitischen Vorkommnissen und einem Schlusskapitel, das beinahe
ausschliesslich im Gerichtssaal spielt? Tönt nicht sehr attraktiv. Zudem
heisst der Autor Chester Brown, dessen letzte, nach elf Folgen wegen mangelndem
Interesse eingestellte Comicserie "Underwater" auch mit viel Sympathie
schlicht als unleserlich bezeichnet werden muss. Aber lasssen Sie sich
davon nun bitte nicht die Lust auf Browns Werk "Louis Riel" nehmen, denn
diese Serie, von Drawn & Quarterly in einem wunderschönen Hardcover-Buch
zusammengefasst, ist eines von Chester Browns besten Werken, wenn nicht
überhaupt einer der engagiertesten und bezauberndsten Comics der letzten
Jahre. Natürlich wirkt es etwas merkwürdig, dass sich Brown nach anderen
Arbeiten wie z.B. "Ed the Happy Clown" oder "I Never Liked You" einer
eher langatmigen politisch-historischen Biografie widmet, aber bei näherer
Betrachtung zeigt sich, dass diese Story das perfekte Vehikel ist, um
dem Zeichner die Gelegenheit zu geben, sich in Themen zu vertiefen, die
ihn schon immer beschäftigten, als da wären: Der Kampf des Individuums
um Autonomie, die Grundsätze menschlicher Beziehungen und Konflikte, Fragen
zur Definition von Wahrheit und Aufrichtigkeit, und nicht zuletzt das
Thema Geisteskrankheit. "Louis Riel" wirft ein interessantes Licht auf
einen Abschnitt der Geschichte Kanadas - speziell der Gegend, die heute
die Provinz Manitoba bildet - am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich das
Land im Prozess der Ausdehnung und der Einigung befand, in einer Epoche
politischer und sozialer Unrast. Als die kanadische Regierung die Landesgrenzen
mittels Landkäufe der Hudson Bay Company weiter und weiter nach Westen
verlegte, kam es immer häufiger zu Streitigkeiten mit den "Métis", den
gemischtrassigen Siedlern, die an den ausfransenden Enden des Staates
ihre Handelsstationen errichtet hatten. Einer von ihnen ist Louis Riel,
Bauer und gescheiterter Student, der zur zentralen Figur im Kampf der
Métis gegen die Regierung wird. Er vereint die verschiedenen Gruppen der
Siedler, gibt ihrem Anliegen eine Stimme und versucht, den Fall vor Gericht
zu bringen. Riels Erfolg als Anwalt der Siedler bzw. die Argumente gegen
die Métis erreichen ihren ironischen Höhepunkt, als Riel seinen Sitz im
Parlament in Ottawa nicht einnehmen kann, weil auf seinen Kopf eine Prämie
ausgesetzt ist. Abgesehen von der Politik fokussiert sich Browns Interesse
auf Louis Riel selbst, auf dessen höchst faszinierende und gleichzeitig
rätselhafte Person. Die meisten historischen Berichte über Riel neigen
zu Extremen: Verfolgter Anwalt einer sich gegen die Staatsgewalt wehrenden
Minderheit oder aber gefährlicher Radikaler und Anarchist, der Kanadas
sozialen Frieden in Gefahr brachte. Brown hingegen porträtiert Riel mit
viel Sympathie, vergleicht ihn gar mit Moses oder Jesus Christus. Wie
Moses schart Riel eine unterdrückte Gruppe Menschen hinter sich, die ihm
durch dick und dünn auf dem Weg zur Freiheit folgen, auch wenn dies bedeutet,
sich gegen den Staat aufzulehnen. Wie Christus kämpft Riel mit seinen
ureigenen Gethsemanes, lässt aber JesusÔ klare Ziele vermissen. Bis zum
Schluss der Geschichte wird nicht klar, ob der Autor uns dazu bringen
will, Riels Aktionen als besonders nobel und erleuchtet zu interpretieren,
oder aber als fehlerhaft und unentschieden. Eine eigentliche Schlussfolgerung
fehlt, ebenso ein glücklicher Schluss, denn sowohl das Buch als auch Riels
Leben enden am Galgen... Was an "Louis Riel" auffällt, sind die zahlreichen
Fussnoten. Diese Anmerkungen versorgen den interessierten Leser mit einer
Fülle von Hintergrundinformation, was Brown davon befreit, den seidenweich
fliessenden Comic mit komplexen historischen Details zu belasten. Zudem
geben die Bemerkungen am Schluss des Buches Chester Brown Gelegenheit,
die Story, ihre möglichen Interpretationen und sogar seinen eigenen Erzählprozess
zu kommentieren. Brown bemerkt im Vorwort, dass er Riels Leben "vereinfacht
und verzerrt" habe. Warum? Weil dies dem Autor erlaubte, sich Riels historische
Geschichte anzueignen, seine eigenen Leidenschaften in den Vordergrund
zu stellen. Louis Riels Kampf drehte sich darum, zu verstehen, wie Menschen
ihr Leben in kleinen Gruppen und Gemeinden organisieren können - genauso
wie die Figur des Chester Brown in Browns autobiografischen Comics. Und
ebenso wie der autobiografische Chester Brown kämpft auch Riel auf seiner
Suche nach Identität und Autonomie eine - wie es aussieht - verlorene
Schlacht gegen unterdrückerische Autoritäten. Mit "Louis Riel" hat Chester
Brown eine ebenso wunderbare wie höchst widersprüchliche Biografie eines
in seiner Unentschlossenheit faszinierenden Revolutionärs geschaffen;
eines Protagonisten, der ausnehmend gut zu Browns eigener künstlerischer
Ambivalenz passt. |
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Ameisen und Chamäleon |
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Zugegeben: Als ich als kleiner Knirps bei meinen französischen
Verwandten das Comic-Magazin "Pif Gadget" verschlang, konnte ich mich
mit "M le magicien" nicht anfreunden: Zu abstrus waren diese Strips, und
dann noch so komisch gezeichnet. Nein, da lobte ich mir Serien wie "Rahan"
und "Docteur Justice", die waren, fand ich, ungleich spannender und besser
gezeichnet. Diese Serien sind heute zu Recht vergessen - dafür erscheint
"M le magicien", von Massimo Mattioli ("Squeak the Mouse") zwischen 1968
und 1973 geschaffen, heute erstmals gesammelt in einem dicken, poppig-bunten
Album. Das ist in doppelter Hinsicht eine Sensation. Zum einen verlegerisch
- L' Association musste in Ermangelung von Originalen sämtliche Strips
aus Mattiolis Sammlung alter "Pif"-Seiten einscannen und bearbeiten. Zum
anderen comic-historisch: "M le magicien" ist ein zu Unrecht vernachlässigtes
Meisterwerk des Comics und hat unübersehbar viele minimale und experimentelle
Comics von Leuten wie Lewis Trondheim beeinflusst. Ganz im Geiste von
"Krazy Kat" (das er oft zitiert) schafft Mattioli in seinen Strips um
einen kleinen Magier, ein Chamäleon, Ameisen (die vom Chamäleon verspiesen
werden) und ein paar anderen Wesen aus Flora und Fauna den Spagat zwischen
der Reduktion auf ein Minimum an Situationen und einem Maximum an Variationen.
"M le magicien" ist Pop-Art, ist Minimal-Comic, ist Surrealismus, ist
Poesie, ist Comic-Theorie, ist saukomisch, ist sauklug, ist unwiderstehlich
frisch, ist ein grosser Lesespass, und Massimo Mattioli müsste endlich
als das anerkannt werden, was er ist: Ein genialer, stilprägender und
höchst einflussreicher Comic-Schöpfer. Christian Gasser
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Frustrierte Restmülltonnen |
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Gott, der sich bei Dynamit Müller mit Sprengstoff für den
Weltuntergang versorgt, die Gazelle beim Elfmeterschiessen gegen den Löwen,
der trotz edler Hermelinstola einsame Yeti - es ist eine schöne und befremdliche
Welt, die der Comic-Zeichner und Cartoonist Bernd Pfarr auf seinen Leinwänden
vorführt. Von weitem betrachtet muten die Gemälde durchaus klassisch,
ja altmodisch an: Die Farben sind weich und freundlich, die Lebewesen
und Objekte von gemütlicher Rundlichkeit, die Dekors von angejahrter Zeitlosigkeit,
die Menschen haben lange oder knollige Comic-NasenÉ Das gaukelt eine gewisse
Nostalgie und Sicherheit vor - die Bilder stecken jedoch, wie man bei
genauerer Lektüre gewahr wird, voller Verweise auf Gegenwart und Kunstgeschichte.
Und sie sind komisch, sehr komisch, nicht nur dank der absonderlichen
Szenen, sondern auch dank der Kontraste und Brüche zwischen Form und Inhalt,
dank der mit allerhand altertümlichem Umgangsslang und hochliterarischer
Syntax durchwirkten Bildlegenden. "Dufte!" murmelt man immer wieder beim
Durchblättern von "Komische Kunst", einer von Andreas Platthaus schön
bevorworteten Sammlung von Pfarrs Acrylgemälden aus den Jahren 1988 bis
2003, "dufte" und "au Backe", und ergötzt sich am Klang dieser fast vergessenen
Wörter. Es gibt kaum etwas Schöneres als Pfarrs feinen und intelligenten
Humor, seine von leiser Tristesse durchwirkte Komik, die Atmosphäre von
schwereloser Absurdität. Wenn etwa die frustrierte Restmülltonne den sozialen
Aufstieg zum Altpapier- oder Glascontainer notfalls mit Waffengewalt erzwingen
will. Situationen sind das, die sich nie abschliessend erklären lassen,
und genau wegen der Offenheit von Bernd Pfarrs gehobenem Unsinn lassen
sich seine Bilder immer wieder geniessen, jedesmal mit derselben glückseligen
Verblüffung, demselben staunenden Vergnügen. |
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Quimby the Mouse |
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Von Chris Ware, dem genialen Zeichner aus Chigago, erschienen
letztes Jahr gleich zwei Anthologien; einerseits eine Zusammenfassung
verschiedener Skizzenbücher des Künstlers von 1986 bis 1995, betitelt
"Acme Novelty Date Book", in der Ware seine Vielseitigkeit unter Beweis
stellt. Andererseits veröffentlichte etwa zur gleichen Zeit Fantagraphic
Books eine Auswahl der wunderschön nostalgischen Quimby-Stories, - wie
alle Publikationen von Chris Ware eine Augenweide. Nur schon das Cover
mit den goldgeprägten Linien auf dem blauem Hintergrund rechtfertigt den
Kauf! Der Protagonist der Geschichten ist eine Maus. Keine Seltenheit
im Comic, wie man weiss, doch lässt sich Quimby nicht mit den altbekannten
Mäusen in einen Topf werfen. Zwar beginnt auch Quimby als Karikatur der
bekannten Maus des Herrn Disney, doch ansonsten sind Parallelen zwischen
Quimby und Mickey sehr marginal. Eher wäre da eine Verwandtschaft mit
Ignatz, der Maus aus "Krazy Kat", zu entdecken. Nur fehlt unserem Hauptdarsteller
jemand, dem er einen Stein an den Kopf werfen könnte, zu sehr ist er mit
sich selbst und den Tücken der Welt beschäftigt. Quimby bleibt nur die
psychische und physische Aufspaltung. Chris Ware zeigt sich in diesen
in den frühen 90er Jahren erstmals publizierten Stories als wahrer Meister
des Panels. Auf grossen und grosszügigen Seiten werden Geschichten verknüpft,
die nicht den gewohnt narrativen Erzählstrukturen des Comic folgen, sondern
zugunsten vernetzter Abläufe aufgebrochen werden. ästhetik, die sich an
einfachster Trickfilmtechnik orientiert, trifft in Wares Welt auf nostalgische
grafische Formensprache. In oft aberwitzig vielen und fürs Auge fast schmerzhaft
kleinen Panels flitzt, torkelt und staunt sich die Maus durch die gezeichnete
Welt. Das Buch ist ein Muss für Menschen, die Freude am Spiel mit grafischen
und illustrativen Zitaten haben. |
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Paris, 1871 |
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Nach der Niederlage der französischen Armee gegen Bismarcks
Truppen im deutsch-französischen Krieg von 1871 kam es in Paris zum Aufstand
der Kommunarden, einer Armee aus Lumpenproletariat, Bürgern, Intellektuellen
und Deserteuren, die die monarchisch gesinnte Nationalversammlung nach
Versailles vertrieben, Neuwahlen ausriefen und einen allzu kurzen Augenblick
lang die Utopie einer egalitä-ren Gesellschaft träumten. Der französische
Comic-Altmeister Jacques Tardi, der aus seiner libertären Gesinnung noch
nie einen Hehl machte, nimmt sich zusammen mit dem Romancier Jean Vautrin
in "Die Macht des Volkes" dieses von der offiziellen Geschichtsschreibung
vernachlässigten Kapitels französischer Revolutionsgeschichte an. Nicht
in Form einer Geschichtslektion allerdings - in der Tradition der populären
Literatur verknüpfen Vautrin und Tardi eine Unzahl von Figuren und Einzelschick-salen
zu einer komplexen, sich aus mehreren Handlungssträngen entwick-elnden
Intrige und werfen uns, ohne sich mit Faktenhuberei aufzuhalten, mitten
ins turbulente Geschehen. Da ist der Hauptmann Tarpagnan - er weigert
sich, auf das Volk zu schiessen, schlägt sich auf dessen Seite und verliebt
sich in Pucci, die Mätresse eines Unterweltskönigs. Da ist Horace Grondin
alias Bassicoussé, ein zum Spitzel im Solde des Polizeichefs gewandelter
ex-Sträfling, der sich an Tarpagnan für den mutmasslichen Mord an seiner
Pflegetochter rächen will. Da ist Fil-de-Fer alias Emile Roussel, ein
Schlosser und Erzgauner, da ist der Trödler Alfred Trois-Clous, der den
halbtot geprügelten Grondin in der Hoffnung auf Rendite gesundpflegt,
und da sind noch viele andere Männer, Frauen, Beamte, Zuhälter, Ganoven,
Bürger und historische Figuren wie der Journalist Vallès oder der Maler
Courbet, die ihren Kampf für oder wider die Commune verbinden mit der
Suche nach dem eigenen Glück. Tardis querformatige Schwarzweiss-Bilder
tragen das ihre zur Intensität dieses Thrillers bei: Atemlos schneidet
er die verschiedenen Geschichten und Gesichter der Menschen, ihre Handlungen,
Träume und Hintergedanken aneinander. |
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Mister O |
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Abstürze Lewis Trondheim hört nicht auf, uns zu verblüffen.
Frankreichs kreativster Comic-Charakter begnügt sich nicht damit, für
einige der interessanteren Mainstream-Serien ("Herr Hase", "Donjon") verantwortlich
zu zeichnen, sondern bemüht sich zwischendurch immer wieder, den Comic
neu zu erfinden. Oder zumindest die Grenzen des im Comic Möglichen und/oder
Erlaubten auszudehnen. "Mister O" ist so ein Beispiel experimenteller
Unterhaltung ˆ la Trondheim, ein wunderbar minimalistischer Comic zwischen
Nonsens und Philosophie: Ein kreisrundes Strichmännchen versucht, eine
Schlucht zu überwinden. Es nimmt dreissig Mal Anlauf, bedient sich dreissig
Mal anderer Tricks und Hilfsmittel (von Baumstämmen über Vögel bis zu
fliegenden Teppichen) und stürzt ebenso oft ab. Dreissig Seiten ˆ sechzig
briefmarkenkleine Panels, dreissig Seiten ohne Worte, dreissig Mal dasselbe
und doch jedes Mal wieder neu: Aus mehr oder weniger nichts schafft Lewis
Trondheim mit "Mister O" ein kleines Meisterwerk. |
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Comic-Supermarkt |
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Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Guillaume Guerse und Marc
Pichelin in Albi, einer Stadt in der Nähe von Toulouse, den Verlag Requins
Marteaux gründeten. Das Ziel war, ausschliesslich Comics herauszugeben,
die man selbst mochte. Zusammen mit dem später dazugestossenen Zeichner
Pierre Druilhe produzieren sie seither gegen alle Regeln des Marktes Hefte
und verkaufen sie zu einem Preis, der es den Lesern erlauben soll, auch
unbekannte Zeichner kennenzulernen. Dass viele davon auf dem grossen Markt
keine Chancen haben, interessiert sie nicht übermässig, denn anders als
Grossverlage, die aufgrund ihrer Strukturen darauf angewiesen sind, dass
ihre Auflagen in die Tausende gehen, können sie es sich erlauben, bloss
drei- oder vierhundert Exemplare eines Comics zu drucken. Richtig abgehoben
haben die Hammerhaie aber erst mit dem Journal "Ferraille illustré". Was
als geldverschlingendes Projekt auf schlechtem Papier begann, ist heute
an praktisch jedem französischen Kiosk zu haben, und die Zeichnungen von
Blutch, Blain oder Satrapi zieren mittlerweile die Titelblätter. Mitverantwortlich
für diesen Erfolg ist der Supermarché Ferraille. In dem virtuellen Grossmarkt
werden nicht nur Requins-Marteaux-Comics angeboten, sondern auch Produkte
wie "Foie Gras du Chômeur" (Gänseleber für Arbeitslose), garantiert thunfischfreie
Delfinpaste oder Büchsenpizzas. Die Web-Seite ist neben "Ferraille illustré"
denn auch die ideale Möglichkeit, mal ein Comic-Universum kennenzulernen,
das fernab der Pariser Comic-Szene entstanden ist und das bis heute trotz
wachsendem Erfolg seine Eigenständigkeit bewahrt hat. |
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