Reisende in Sachen Comic

 

Freiwillig wären wir zwei STRAPAZIN-Macher niemals nach Mallorca gereist. Warum sollen sich halbwegs vernünftige Menschen in überfüllte Flugzeuge deutscher oder englischer Billig-Airlines quetschen und auf eine von Betonburgen verschandelte Insel fliegen, wo sich ein Haufen Irrer tagsüber Mühe gibt, Hautkrebs zu bekommen, um sich dann nachts ins Delirium zu saufen? Aber der spanische Illustrator und Comiczeichner Max, der sich vor zwei Jahren anerboten hatte, eine Auswahl spanischer Zeichner und Zeichnerinnen für STRAPAZIN zusammen zu stellen, wohnt nun einmal auf Mallorca. Und so reisten David Basler und ich zur vielgeschmähten Ballermanninsel, wo uns Max am Flughafen von Palma di Mallorca erwartete. Max wurde 1956 in der Nähe von Barcelona als Francesc Capdevila geboren. In den Siebzigerjahren, kurz vor dem Tod des Diktators Francos, ging es in der kulturellen Szene Spaniens, speziell in der katalanischen Metropole Barcelona, bereits hoch her. Max und ein paar Gleichgesinnte nahmen Kontakt zur Undergrund-Künstlergruppe El Rrollo auf. Damals entstand der erste selbstpublizierte Comic, "El Rrollo Enmascarado", der von den Beteiligten unter der Hand auf Barcelonas Strassen verkauft wurde. Mit dem Ende der spanischen Diktatur ereignete sich eine wahre kulturelle Explosion, mit Barcelona als Zentrum. Nach fast vierzig Jahren Unterdrückung suchten Musik, Architektur, Design und Film plötzlich nach einer eigenen Sprache. In dieser Zeit des Umbruchs begann Max seine Ausbildung als Zeichner, beeinflusst wohl weniger vom schicken Designerumfeld in Barcelona als vielmehr vom amerikanischen, später dem niederländischen Underground-Comic. Halb Hippie, halb Rocker - in Max' frühen Arbeiten erscheint eine sowohl politisch als auch sozial engagierte Haltung, die später auch eher zu Punk als zur New Wave tendierte. Seit über zwanzig Jahren vertritt Max mit seinen von klaren Linien und flächig eingesetzten Farben bestimmten Arbeiten eine stark grafisch ausgerichtete Art von Illustration. Dass er anfangs der achtziger Jahre auf den Holländer Joost Swarte traf, als dieser anlässlich einer Ausstellung des Magazin 'El V’bora' Barcelona besuchte, dürfte Max beeinflusst haben. Und das Werk des zehn Jahre älteren Belgiers Ever Meulen steht in seiner visuell-gestalterischen Ausrichtung Max' Arbeiten noch näher. Plakate, Flyers, Buchumschläge, CD- oder Vinyl-Cover und Logos aller Art sind in Max' Werk mindestens so gewichtig vertreten wie Comics und Kinderbücher. Dazu kommen Publikationen wie "Nosotros somos los muertos", herausgegeben in Zusammenarbeit mit Pere Joan, einem Freund der frühen Jahre. überhaupt setzt sich Max an allen Fronten rührig für den mallorquinischen, den spanischen und auch den internationalen Comic ein, wie diese Ausgabe von STRAPAZIN eindrücklich beweist. Wer mehr über Max und seine Arbeiten erfahren möchte, besorge sich die 2003 erschienene Anthologie "DreamSpy", eine aufschlussreiche Arbeitsdokumentation, ein Bilderbogen über dreissig Jahre Zeitgeschichte, der mehr als nur den Werdegang des Zeichners beschreibt. Uns Reisenden in Sachen Comic jedenfalls hat es auf Mallorca dann doch sehr gut gefallen. Max wohnt mit Frau und Tochter, Hund und Katzen seit einiger Zeit in der Nähe des mittelalterlichen Städtchens Sineu, mitten im Herz von Mallorca, wo im Herbst die Touristendichte angenehm erträglich ist. Max, seine Frau, das Kind, die Hunde und Katzen verschlug es hierher, weil seine Frau Carmen ihre Wurzeln auf der Insel hat, und es sich hier angenehm leben lässt, geruhsamer jedenfalls als in Barcelona. Wir Reisenden genossen es, auf dem Platz vor der Kirche unser Feierabendbier zu trinken, in Gesellschaft des höchst angenehmen Zeitgenossen Max. Mallorca ist durchaus eine Reise wert.

Roli Fischbacher



Max: "DreamSpy", 2003 Ediciones La Cupula, Euro 29.95