Titeuf, König von Angoulême

 

Vom 22. bis zum 25. Januar fand im französischen Angoulême das 31. Internationale Comic-Festival statt. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand dabei weniger die Comic-Kultur als vielmehr der Boom des französischen Comic-Marktes. Der letztjährige Preisträger des Festivals, Régis Loisel, fasste sich kurz, als er am Samstagabend, punkt 21 Uhr, auf den Balkon des Ratshauses trat und den neuen Preisträger des Grossen Preises der Stadt Angoulême bekannt gab: ãZep!Ò. In Frankreich und der Westschweiz ist dieser Name jedem Kind ein Begriff; der 36-jährige Zep (Philippe Chappuis) aus Genf ist der Vater von "Titeuf", der wohl erfolgreichsten Comic-Figur der letzten 10 Jahre im französischsprachigen Raum. Der Entscheid, Zep für sein bisheriges Gesamtwerk auszuzeichnen, war nicht unumstritten und sorgte für manch hitzige Debatte in den Bars und Kneipen von Angoulêmes malerischer Altstadt, die sich jeweils im Januar für vier Tage ins Mekka der Comics verwandelt; dieses Jahr, laut Veranstalter, von rund 200'000 Comic-Fans besucht. Zeps unbestreitbare Qualitäten als Comic-Zeichner werden derzeit von seinem phänomenalen Erfolg in den Schatten gestellt, deshalb überrascht es nicht, dass seiner Kür immer wieder kommerzielle Hintergedanken unterschoben wurden. Mit "Titeuf" als Aushängeschild, dem vorlauten Flegel mit wilder Haartolle, ist dem Festival nächstes Jahr die Aufmerksamkeit beim grossen und breiten Publikum zwischen 7 und 77 Jahren sicher - und damit auch der Erfolg auf Sponsorensuche. Gerade darum auch passte die Wahl von Zep gut zum diesjährigen Comic-Festival, an dem mehr über den Markt als über die Kultur der Comics diskutiert wurde. Während die Comics im deutschsprachigen Raum ein Nischendasein fristen, sind die Bandes dessinées in Frankreich nicht nur Massenunterhaltung, Avantgardekunst, Alltagskultur und Gesellschaftsphänomen, sondern auch ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig. Die Bandes dessinées sind das einzige Segment in der kriselnden Buchbranche, das seit einem Jahrzehnt unaufhaltsam wächst und inzwischen eine geradezu beängstigende Dimension angenommen hat. Im vergangenen Jahr erschienen rund 2600 Titel (davon 1780 Neuheiten) in mittlerweile 113 Verlagen, es wurden um die 35 Millionen Comics verkauft, das Marktvolumen stieg um 2% auf geschätzte 250 Millionen Euro, und unter den 15 meistverkauften Büchern aller Kategorien tummeln sich ganze 7 Comics. Kein Wunder, will der französische Staat laut vollmundiger Versprechen des Kulturministers Aillagon die Bandes dessinées verstärkt als eigenständigen Bereich des Buchwesens betrachten und fördern. Drohende Implosion 2003 konnte Zep - ohne eine Neuerscheinung - 10 Titel in den ãComic-Top-20Ò platzieren, er setzte insgesamt 1,5 Millionen Alben ab, und seine Gesamtauflage steigerte sich auf über 10 Millionen. Eine Sammlung alter Asterix-Kurzgeschichten ging ganze 865'000 Mal über den Ladentisch, die Gags um das motorradverrückte "Joe Bar Team" fanden 350'000, und das neue Abenteuer der altgedienten Heroen Blake et Mortimer 340'000 Käufer. Aber auch anspruchsvolle Autoren wie Enki Bilal und Jacques Tardi erreichten beeindruckende Verkaufszahlen: Von Bilals "32. Dezember" gingen 150'000, von Tardis "Die Macht des Volkes Band 3" 94'000 Stück weg. Es fällt allerdings auf, dass sich im Bereich der Bestseller der Generationswechsel noch nicht bemerkbar macht: Es dominieren nach wie vor die klassischen Genre-Serien, während von der jüngeren Szene erst Joann Sfar mit "Le Chat du Rabbin" in die Top-50 vorstiess. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen werden mehr und mehr Stimmen laut, die vor der überproduktion und der drohenden Implosion des Marktes warnen und an den Boom der späten achtziger Jahre erinnern: Die damalige - mit ihren 800 bis 900 Bänden vergleichsweise bescheidene - Produktion löste einen Zusammenbruch des Marktes aus und mündete in eine mehrere Jahre dauernde Krise. Umso dringlicher stellt sich heute die Frage, wie lange der Markt eine derartige Menge Comics verdauen wird, zumal mehr und mehr schlechte und überflüssige Ware erscheint, was wiederum bei der Kundschaft eine Abwehrreaktion auslösen könnte. Heute ist schon unübersehbar, dass die Schere zwischen einer Handvoll Bestseller und dem grossen Rest immer grösser wird, dass immer mehr comic-fremde Belletristik- und Sachbuchverlage sich ein Stück vom Kuchen abschneiden möchten und die finanzstarken Verlage mehr und mehr Raum im Fachhandel besetzen und die kleineren Verlage zu verdrängen versuchen. Imaginäre Museen Das 31. Festival von Angoulême feierte aber nicht nur den Comic als Wirtschaftsfaktor, sondern auch, mit einem internationalen Symposium, an dem Autorenstars wie Chris Ware, Lorenzo Mattotti, Marjane Satrapi, die X-Men-Zeichner Chris Claremont und Jim Lee teilnahmen, als Kunstform. Das Comic-Museum CNBDI lud, wie schon letztes Jahr, zu einem Museumsbesuch der besonderen Art. Es beherbergte ein halbes Dutzend begehbarer "musées imaginaires", die mit Hilfe von Schaukästen, altertümlichen Bildtafeln, pseudowissenschaftlichen Diagrammen und aussagekräftigen Comic-Originalseiten die klassische verstaubte Museumsdidaktik spielerisch unterliefen, dabei aber verschiedene Aspekte der Bandes dessinées ebenso fundiert wie humorvoll durchleuchteten. So untersuchte das "naturhistorische Museum" die Flora und Fauna von Tarzans afrikanischem bis Batmans urbanem Dschungel, und die Evolution der Mäuse, von Disney über Squeak the Mouse bis zu Art Spiegelman. Das "Kunstmuseum" stellte die wichtigsten Stilrichtungen aus, während das "ethnologische Museum" die archetypischen Heldenfiguren vom Anti- bis zum Superhelden sezierte, und das ãhistorische MuseumÒ den legitimen Anspruch hervorhob, die Comics seien dank des Genfers Rodolphe Töpffer eine europäische und keine amerikanische Erfindung. Andere Ausstellungen würdigten den letztjährigen Gewinner des Grossen Preises, Régis Loisel, den englischen Comic-Zeichner und Graphiker Dave McKean und den altbackenen Höhlenmenschen "Rahan". Wenn aber trotzdem so viel übers Geld geredet wurde, so lag dies nicht zuletzt daran, dass das Festival keine inhaltlichen Akzente setzte. War es den Veranstaltern in der Vergangenheit immer wieder gelungen, Mainstream und Avantgarde, alte Helden und neue Trends zusammenzuführen und so die Lage der Comic-Nation zu reflektieren, wirkte das diesjährige Festival seltsam unentschlossen und flach. Das drückte sich auch in den Preisen aus, die alle an handwerklich durchaus solide aber ansonsten belanglose Comics gingen. Davon, dass die junge französische Szene so kreativ und in den Medien so präsent ist wie selten zuvor, war im offiziellen Programm nichts zu sehen. Es wird interessant sein zu beobachten, inwiefern Zep, dem guter Geschmack und Offenheit nachgesagt werden, sich nicht nur als Sponsorenköder einsetzen sondern auch programmatisch engagieren wird, um das aktuelle Schaffen wieder verstärkt im Festival einzubinden.

Christian Gasser


Die Preise:

- Bestes Album: Larcenet "le combat ordinaire" (Dargaud)

- Beste Zeichnungen: Guarnido & Canales "Artic-Nation. Blacksad tomme 2" (Dargaud)

- Bestes Szenario: Neil Gaiman "Sandman 4. La saison des brumes" (Delcourt)

- Beste Serie: Urasawa "20th century boy"

- Bestes Debüt-Album: Billies "Betty Blue" (Paquet)