Editorial
Wer sich für Comics interessiert, dem sind auch Manga längst
ein Begriff. Doch bei älteren Lesern stossen sie oft auf Skepsis.
Denn im deutschsprachigen Raum kennt man vor allem jene global kompatible
Massenware aus Fernost, die sich gut verkaufen lässt, weil sie sich
an die klar umrissene und kaufkräftige Zielgruppe der Teenager wendet.
Die Art und Weise, wie Manga auf Deutsch in Erscheinung treten, begünstigt
Einseitigkeit: Gehen die Anhänger der europäischen und amerikanischen
Tradition auf Distanz zu "Japan", so halten die Manga-Fans Abstand
zu allem "Nicht-Japanischen". Und dazu zählen auch die
hier vorgestellten Beispiele von kleineren Verlagen, die sich nicht in
erster Linie kommerziellen Interessen, sondern ästhetischer Vielfalt
verpflichtet fühlen. Einer dieser Verlage brachte bis vor kurzem
das Magazin Garo heraus. Viele europäische und amerikanische Comicleser
kennen dieses Magazin nur dem Namen nach. Von Garo und seinem Nachfolger
Ax erwartet man gemeinhin die Alternative zum weltweit präsenten
japanischen Mainstream. Als solche gelten z.B. die Kurzgeschichten von
Tsuge Yoshiharu, dessen Leben und Werk der Artikel des Ax-Redakteurs Asakawa
Mitsuhiro behandelt, aber auch die von Tatsumi Yoshihiro, eines weiteren
Vertreters der sogenannten Gekiga, dessen Name in Europa und Nordamerika
geläufiger ist als im heutigen Japan. Ähnlich eigenwillig zeigen
sich die Geschwister Nishioka. Im Vergleich zu ihnen haben Furuya Usamaru
und Shiriagari Kotobuki einen Aktionsradius, der von der ernsthaften Sinnsuche
bis zum Lachen über die Leichtigkeit des Seins, von experimentellen
Kurzgeschichten bis zu auflagenstarken Langserien reicht. Auch die dichten,
selten seriellen und nicht unbedingt konsumfreundlichen Geschichten der
Zeichnerin Takano Fumiko findet man häufig in konventionellen Zeitschriften.
Wenn es in Japan ein Pendant zum hiesigen Autorencomic gibt, dann in Gestalt
eines Manga, der die gängige Massenware nicht prinzipiell abwehrt,
sondern als eine Seite seiner selbst begreift. Er folgt nicht der Logik
des "Entweder-oder", sondern der des "Sowohl-als-auch".
Gerade diese erwartet man im Allgemeinen von Comics als zweischneidigem
Medium, und gerade diese sei Manga-Skeptikern wie Manga-Fans ans Herz
gelegt.
Jaqueline Berndt, Heike Drescher
Japanische Personennamen werden in der in Japan üblichen
Reihenfolge "Nachname Vorname" ohne trennendes Komma angegeben. Bei der
Transkription wird jedoch auf die Angabe von Längungszeichen über
Vokalen verzichtet. |