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Nippon Chinbotsu
Sudoku. Das schmeisst man dir heutzutage nach, wenn du als Literatursucher
irgendwo das Wort "Japan" stammelst oder eingibst. Das Grosse
Buch der Sudoku-Zahlenrätsel fliegt dir gleich um die Ohren. Ein
paar ganz schlechte Manga folgen vielleicht hinterher. Und, ja, eventuell
noch Murakami, aber der Dings, der Haruki, nicht der Murakami Ryu. Ja,
ja, der Murakami Haruki. Ein Autor von Rang, wie gemacht für die
Houellebecq-Generation! Klasse, der Mann! Man kann sich zwar nicht mehr
erinnern, wie dieser oder jener Roman genau ausging, aber Spitze ist er
auf jeden Fall, der Haruki. Irgendwas mit einem Schaf war's, der letzte
Roman, wie immer hoch gehandelt in den Feuilletons. Ein Science-Fiction-Krimi,
aber das darf man eigentlich so nicht sagen, weil Science Fiction immer
noch als anstössig gilt. Ungefähr so wie Manga. Das literarische
Genre des sogenannten Zukunftsromans jedoch gehört zum eigentlichen
kulturellen Inventar des Landes der Kirschblüte.
Am Anfang des in Europa wahrnehmbaren japanischen Kultur-Openings steht
ja ein Trauma, der Zweite Weltkrieg und der Schock der Atombomben auf
Hiroshima und Nagasaki. 1954 gerät noch ein japanisches Fischerboot in
den Wirkungsbereich des Bikini-Atoll-Nukleartests. Zurück in der Heimat,
erkrankt die Crew und ein Besatzungsmitglied stirbt. Panik und Empörung
breitet sich aus. Und Godzilla entsteht. Oder besser Gojira, wie er japanisch
heisst. Das Biest aus der Urzeit, durch Atomkraft zurück ins Leben gerufen.
So bannt und mythologisiert ein Film das nationale Trauma. 1954 kommt
mit "Gojira" der erste einer langen Reihe dieser Monsterfilme heraus.
Neben Godzilla erscheinen die fliegenden Monster von Osaka auf der Bühne
und auch der gute alte King Kong gelangt wieder zu Ehren. Sogar Furankenshutain
alias Frankenstein wird gebraucht - durch Atomstrahlen ins Gigantische
gewachsen, kämpft er gegen das unterirdische Monster Baragon. Die Filme
und ihre Monster werden immer grotesker, aber neben den hölzernen Special
Effects bleibt eines gleich: die Bedeutung der atomaren Strahlung. Sie
weckt die guten wie die bösen Viecher auf oder vernichtet sie wieder,
sie bedeutet zugleich Verderben und Segen für die Menschheit.
Diese sozusagen wissenschaftliche Ambivalenz setzt sich fort in der nun
entstehenden fantastischen und Science-Fiction-Literatur Japans, auch
wenn es dort bedeutend komplizierter zu und her geht. In den Romanen von
Komatsu Sakyo zum Beispiel. Geboren 1931 in Osaka, ist er vor allem mit
dem 1973 erschienenen "Nippon chinbotsu" ("Japan sinkt") und dem schon
1964 publizierten "Fukkatsu no hi" ("Der Tag der Auferstehung") berühmt
geworden.
In "Japan sinkt" warnte Komatsu also schon vor über 30 Jahren vor gegenwärtig
gewalttätigen Klima- und Natur-Phänomenen: Wegen ökologischer Idiotie
der Menschen sorgen Erdbeben, Tsunami und Taifune dafür, dass die japanischen
Inseln nach und nach im Meer versinken. Wohl kann ein Grossteil der Bevölkerung
evakuiert werden, aber der japanische Archipel ist in den Tiefen des Ozeans
verschwunden.
Mit grösserer Kelle rührt Komatsu in "Der Tag der Auferstehung" an: Da
krepiert nämlich gleich die ganze Erdbevölkerung bis auf 10'000 Menschen,
die sich gerade noch in der Antarktis sammeln können. Dort im Eis kann
nämlich das tödliche Virus, das den Rest der Menschheit weggeputzt hat,
nicht hin. Das Drama beginnt anfang der 1960er-Jahre, als ein Flugzeug
in den Alpen abstürzt. An Bord sind dummerweise ein paar versiegelte Behälter,
die neueste Ergebnisse in der Biowaffen-Forschung enthalten. Zuerst stirbt
ganz rätselhaft die Kleintierpopulation in der Po-Ebene. Als es auch Menschen
erwischt, wird kein Gegenmittel gefunden, da die ursprüngliche Biowaffe
von einem Tarnvirus versteckt wird. Und als ob es nicht schon schlimm
genug wäre, zünden die Supermächte auch noch ihre Atomwaffen, die zum
Grossteil aus jener vermaledeiten Neutronenbombe bestehen. Das hingegen
wieder hat einen positiven Effekt, indem das einzige Mittel gegen den
tödlichen Virus erst unter der Neutronenstrahlung wirksam wird. Fast die
gesamte Menschheit ausgerottet - Godzilla hätte das nicht geschafft! Gefährlich
ist nicht das Grosse, sondern das Kleine, das Heimtückische, das, was
man übersieht ... Davon handeln viele japanische Krimis.
Eine der bekanntesten Autorinnen ist Togawa Masako. Sie ist 1933 in Tokio
geboren und war unter anderem Nachtclubsängerin, bis sie mit ihren Romanen
berühmt wurde. "Oi naru gen'ei" ist 1962 erschienen und heisst auf deutsch
"Der Hauptschlüssel". Der hermetische Ort der Handlung ist ein Tokioter
Wohnheim für alleinstehende Frauen. Das Drama beginnt 1951, als ein als
Frau verkleideter Mann im Heim wohnt. Dann verschwindet eine Kindsleiche
unter dem frisch gefliesten Kellerboden. Jahre später ist das Wohnheim
in heller Aufregung. Erstens soll es wegen einem Strassenbau verschoben
werden, zweitens ist der Hauptschlüssel, der zu jedem Zimmer und zu jeder
Wohnung Zugang verschafft, verschwunden. Nicht wenige Frauen des Heims
haben da ihre Leichen im Keller und fürchten um die Aufdeckung ihrer kleineren
oder grösseren Verbrechen. Togawa Masakos Krimi lebt nicht so sehr von
einem ausgeklügelten Plot, sondern von der genauen Zeichnung einer Stimmung
der nur knapp unterdrückten Panik. Bei der Lektüre spürt man geradezu
die ängste der Bewohnerinnen des Heims und wie hinter jeder Erklärung
ein weiteres Geheimnis liegt. Ausserdem vermittelt der Roman ein genaues
Bild von der einigermassen beschissenen Lage alleinstehender Frauen in
Japan. Ein früher europäischer Vermittler Japans ist der Genfer Nicolas
Bouvier (1929-1998). Nach Beendigung seines Studiums fährt er 1953 mit
dem Auto von Genf nach Kabul und gelangt zwei Jahre später nach Japan.
Er bleibt dort für ein Jahr, kommt dann aber in den Sechzigerjahren wieder
nach Ostasien. Im Oktober 1955 jedenfalls erreicht Bouvier Tokio, die
Hauptstadt einer damals völlig fremden Welt. Vom Stadtviertel der kleinen
Leute aus will Bouvier behutsam diese Welt erforschen, sich der japanischen
Seele annähern. Später bereist er dann auch den ganzen Archipel mit Bus
und Bahn. Er notiert seine Alltagserfahrungen und Beobachtungen und betreibt
sozusagen ethnologische Kleinfeldforschungen. Ob es sich nun um typische
japanische Dinge wie das No-Theater oder die Abscheu der Japaner vor dem
Tode handelt oder um die ersten zögerlichen westlichen Einflüsse, Bouviers
Offenheit und Unvoreingenommenheit kommt ihm bei der Berichterstattung
sehr zustatten. Wenn es ein Beispiel für ebenso informative wie poetische
Reiseliteratur gibt, dann sind das Bouviers Bücher.
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Bild: Maruo Suehiro, Seirindo, Reprodukt
Literaturliste
Detlef Claus/Rolf Giesen: "Godzilla,
Gamera, Gappa". Die Geschichte der japanischen Monsterfilme. Schwarzkopf
& Schwarzkopf Verlag 1998. Muss man sich antiquarisch besorgen, z.B. via
Amazon.
Sakyo Komatsu: "Japan sinkt". Vom Untergang des
japanischen Archipels. Verlag Volk & Welt 1991. Auch das gibt es antiquarisch
via Amazon.
Sakyo Komatsu: "Der Tag der Auferstehung". Die
Geschichte eines verhängnisvollen Virus-Experiments. Heyne Science fiction
4443, 1987. Gibt's auch antik bei Amazon.
Masako Togawa: "Der Hauptschlüssel". Unionsverlag
MŽtro, 175 S., Euro 8.90, sFr. 16.50
Nicolas Bouvier: "Japanische Chronik". Lenos Verlag,
288 S., Euro 12.50, sFr. 22.-
Nicolas Bouvier: "Das Leere und das Volle". Reisetagebuch
aus Japan. 229 S., Euro 19.90, sFr. 34.90 |