Das geschriebene Wort

von Wolfgang Bortlik.

Nippon Chinbotsu

Sudoku. Das schmeisst man dir heutzutage nach, wenn du als Literatursucher irgendwo das Wort "Japan" stammelst oder eingibst. Das Grosse Buch der Sudoku-Zahlenrätsel fliegt dir gleich um die Ohren. Ein paar ganz schlechte Manga folgen vielleicht hinterher. Und, ja, eventuell noch Murakami, aber der Dings, der Haruki, nicht der Murakami Ryu. Ja, ja, der Murakami Haruki. Ein Autor von Rang, wie gemacht für die Houellebecq-Generation! Klasse, der Mann! Man kann sich zwar nicht mehr erinnern, wie dieser oder jener Roman genau ausging, aber Spitze ist er auf jeden Fall, der Haruki. Irgendwas mit einem Schaf war's, der letzte Roman, wie immer hoch gehandelt in den Feuilletons. Ein Science-Fiction-Krimi, aber das darf man eigentlich so nicht sagen, weil Science Fiction immer noch als anstössig gilt. Ungefähr so wie Manga. Das literarische Genre des sogenannten Zukunftsromans jedoch gehört zum eigentlichen kulturellen Inventar des Landes der Kirschblüte.

Am Anfang des in Europa wahrnehmbaren japanischen Kultur-Openings steht ja ein Trauma, der Zweite Weltkrieg und der Schock der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. 1954 gerät noch ein japanisches Fischerboot in den Wirkungsbereich des Bikini-Atoll-Nukleartests. Zurück in der Heimat, erkrankt die Crew und ein Besatzungsmitglied stirbt. Panik und Empörung breitet sich aus. Und Godzilla entsteht. Oder besser Gojira, wie er japanisch heisst. Das Biest aus der Urzeit, durch Atomkraft zurück ins Leben gerufen. So bannt und mythologisiert ein Film das nationale Trauma. 1954 kommt mit "Gojira" der erste einer langen Reihe dieser Monsterfilme heraus. Neben Godzilla erscheinen die fliegenden Monster von Osaka auf der Bühne und auch der gute alte King Kong gelangt wieder zu Ehren. Sogar Furankenshutain alias Frankenstein wird gebraucht - durch Atomstrahlen ins Gigantische gewachsen, kämpft er gegen das unterirdische Monster Baragon. Die Filme und ihre Monster werden immer grotesker, aber neben den hölzernen Special Effects bleibt eines gleich: die Bedeutung der atomaren Strahlung. Sie weckt die guten wie die bösen Viecher auf oder vernichtet sie wieder, sie bedeutet zugleich Verderben und Segen für die Menschheit.

Diese sozusagen wissenschaftliche Ambivalenz setzt sich fort in der nun entstehenden fantastischen und Science-Fiction-Literatur Japans, auch wenn es dort bedeutend komplizierter zu und her geht. In den Romanen von Komatsu Sakyo zum Beispiel. Geboren 1931 in Osaka, ist er vor allem mit dem 1973 erschienenen "Nippon chinbotsu" ("Japan sinkt") und dem schon 1964 publizierten "Fukkatsu no hi" ("Der Tag der Auferstehung") berühmt geworden.

In "Japan sinkt" warnte Komatsu also schon vor über 30 Jahren vor gegenwärtig gewalttätigen Klima- und Natur-Phänomenen: Wegen ökologischer Idiotie der Menschen sorgen Erdbeben, Tsunami und Taifune dafür, dass die japanischen Inseln nach und nach im Meer versinken. Wohl kann ein Grossteil der Bevölkerung evakuiert werden, aber der japanische Archipel ist in den Tiefen des Ozeans verschwunden.

Mit grösserer Kelle rührt Komatsu in "Der Tag der Auferstehung" an: Da krepiert nämlich gleich die ganze Erdbevölkerung bis auf 10'000 Menschen, die sich gerade noch in der Antarktis sammeln können. Dort im Eis kann nämlich das tödliche Virus, das den Rest der Menschheit weggeputzt hat, nicht hin. Das Drama beginnt anfang der 1960er-Jahre, als ein Flugzeug in den Alpen abstürzt. An Bord sind dummerweise ein paar versiegelte Behälter, die neueste Ergebnisse in der Biowaffen-Forschung enthalten. Zuerst stirbt ganz rätselhaft die Kleintierpopulation in der Po-Ebene. Als es auch Menschen erwischt, wird kein Gegenmittel gefunden, da die ursprüngliche Biowaffe von einem Tarnvirus versteckt wird. Und als ob es nicht schon schlimm genug wäre, zünden die Supermächte auch noch ihre Atomwaffen, die zum Grossteil aus jener vermaledeiten Neutronenbombe bestehen. Das hingegen wieder hat einen positiven Effekt, indem das einzige Mittel gegen den tödlichen Virus erst unter der Neutronenstrahlung wirksam wird. Fast die gesamte Menschheit ausgerottet - Godzilla hätte das nicht geschafft! Gefährlich ist nicht das Grosse, sondern das Kleine, das Heimtückische, das, was man übersieht ... Davon handeln viele japanische Krimis.

Eine der bekanntesten Autorinnen ist Togawa Masako. Sie ist 1933 in Tokio geboren und war unter anderem Nachtclubsängerin, bis sie mit ihren Romanen berühmt wurde. "Oi naru gen'ei" ist 1962 erschienen und heisst auf deutsch "Der Hauptschlüssel". Der hermetische Ort der Handlung ist ein Tokioter Wohnheim für alleinstehende Frauen. Das Drama beginnt 1951, als ein als Frau verkleideter Mann im Heim wohnt. Dann verschwindet eine Kindsleiche unter dem frisch gefliesten Kellerboden. Jahre später ist das Wohnheim in heller Aufregung. Erstens soll es wegen einem Strassenbau verschoben werden, zweitens ist der Hauptschlüssel, der zu jedem Zimmer und zu jeder Wohnung Zugang verschafft, verschwunden. Nicht wenige Frauen des Heims haben da ihre Leichen im Keller und fürchten um die Aufdeckung ihrer kleineren oder grösseren Verbrechen. Togawa Masakos Krimi lebt nicht so sehr von einem ausgeklügelten Plot, sondern von der genauen Zeichnung einer Stimmung der nur knapp unterdrückten Panik. Bei der Lektüre spürt man geradezu die ängste der Bewohnerinnen des Heims und wie hinter jeder Erklärung ein weiteres Geheimnis liegt. Ausserdem vermittelt der Roman ein genaues Bild von der einigermassen beschissenen Lage alleinstehender Frauen in Japan. Ein früher europäischer Vermittler Japans ist der Genfer Nicolas Bouvier (1929-1998). Nach Beendigung seines Studiums fährt er 1953 mit dem Auto von Genf nach Kabul und gelangt zwei Jahre später nach Japan. Er bleibt dort für ein Jahr, kommt dann aber in den Sechzigerjahren wieder nach Ostasien. Im Oktober 1955 jedenfalls erreicht Bouvier Tokio, die Hauptstadt einer damals völlig fremden Welt. Vom Stadtviertel der kleinen Leute aus will Bouvier behutsam diese Welt erforschen, sich der japanischen Seele annähern. Später bereist er dann auch den ganzen Archipel mit Bus und Bahn. Er notiert seine Alltagserfahrungen und Beobachtungen und betreibt sozusagen ethnologische Kleinfeldforschungen. Ob es sich nun um typische japanische Dinge wie das No-Theater oder die Abscheu der Japaner vor dem Tode handelt oder um die ersten zögerlichen westlichen Einflüsse, Bouviers Offenheit und Unvoreingenommenheit kommt ihm bei der Berichterstattung sehr zustatten. Wenn es ein Beispiel für ebenso informative wie poetische Reiseliteratur gibt, dann sind das Bouviers Bücher.



Bild: Maruo Suehiro, Seirindo, Reprodukt

Literaturliste

Detlef Claus/Rolf Giesen: "Godzilla, Gamera, Gappa". Die Geschichte der japanischen Monsterfilme. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag 1998. Muss man sich antiquarisch besorgen, z.B. via Amazon.

Sakyo Komatsu: "Japan sinkt". Vom Untergang des japanischen Archipels. Verlag Volk & Welt 1991. Auch das gibt es antiquarisch via Amazon.

Sakyo Komatsu: "Der Tag der Auferstehung". Die Geschichte eines verhängnisvollen Virus-Experiments. Heyne Science fiction 4443, 1987. Gibt's auch antik bei Amazon.

Masako Togawa: "Der Hauptschlüssel". Unionsverlag MŽtro, 175 S., Euro 8.90, sFr. 16.50

Nicolas Bouvier: "Japanische Chronik". Lenos Verlag, 288 S., Euro 12.50, sFr. 22.-

Nicolas Bouvier: "Das Leere und das Volle". Reisetagebuch aus Japan. 229 S., Euro 19.90, sFr. 34.90