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Tatsumi Yoshihiro, geboren 1935 in Osaka, publizierte seinen
ersten Comic 1953. Damals richteten sich die Comics an ein mehrheitlich
kindliches Publikum, mussten lustig sein und Gags beinhalten. Zeichnerisch
waren die Personen und ihre Stimmungen stark karikiert, die Inhalte natürlich
jugendfrei. Diese Art von Comics wurde Manga genannt. Bald interessierte
sich Tatsumi nicht mehr dafür: "Im Kino sahen wir Filme wie
'Die Teuflischen' von Henri-Georges Clouzot, die die Ängste und die
hässlichen Seiten der Menschen zeigten. So haben wir angefangen,
uns für die Darstellung der Realität zu interessieren, haben
versucht, diese durch die Zeichnung darzustellen, indem wir die Protagonisten
frontal in den Vordergrund und ins Licht stellten, damit man auch ihre
Emotionen wahrnehmen konnte. Ich wollte mich mit meinen Geschichten an
Erwachsene, sozusagen an meine Generation, wenden.".
So entstanden - 10 Jahre vor den amerikanischen Underground-Comics - erstmals
Comics, die sich an ein erwachsenes Publikum richteten und Themen wie
Sex und Gewalt zeigten. Tatsumi nannte diese Art von Mangas "Gekiga" ("geki"
heisst Drama, steht phonetisch aber auch für Intensität, Gewalt und Kraft
- "ga" heisst Zeichnung) und gründete 1957 mit sechs anderen Autoren zusammen
das Gekgia-Atelier ("Gekiga kobo"). Anfangs der 1970er-Jahre wandte sich
auch der Manga erwachsenen Themen zu. Der Begriff "Gekiga" wurde so zum
Unterbegriff für realistisch gezeichnete Comics von Autoren wie Nakazawa
Keiji ("Barfuss durch Hiroshima"), Taniguchi Jiro, Tsuge Yoshiharu und
eben Tatsumi Yoshihiro.
Der Gekiga entspricht in Inhalt und Form eher den europäischen Lesegewohnheiten,
weil er sich laut Tatsumi auf eine Tradition des "film noir"
beruft, die ihrerseits auf der amerikanischen Krimiliteratur eines Chandlers
oder Hammetts fusst. Auch eine Ähnlichkeit mit dem italienischen
Neorealismus ist unleugbar. In Europa wurden Tatsumi und Nakazawa bereits
anfangs der 1980er-Jahre, weit vor der Mangawelle, veršffentlicht (Tatsumi
in El Vibora, der damals führenden spanischen Untergrundzeitschrift).
Künstlerisch wegweisend, blieb ihr kommerzieller Erfolg jedoch bescheiden.
Durch den Mangaboom wurde Tatsumi nun wieder entdeckt, auf Franzšsisch
(Vertige Graphic), Italienisch (Coconino Press), Englisch (Drawn &
Quarterly) und Spanisch (La Cupula) veršffentlicht und 2005 von seinem
franzšsischen Verlag zum Comicfestival nach Angoulême eingeladen. Tatsumis
Veršffentlichungen sind im Vergleich zu vielen Manga keine langen, sondern
kurze Geschichten. Seine Helden sind alle hoffnungslose Verlierer, frustrierte,
verklemmte Versager, von ihrer Frau missachtet, von den Prostituierten
ausgelacht und vom Chef und den Arbeitskollegen gedemütigt. Wahre
Albträume! Dazu äusserte sich der freundliche, alte Herr in
Angoulême: "Es ist wahr, dass ich, wenn ich an fršhliche Geschichten
denke, unvermeidlich nach und nach zu düsteren Inhalten gelange.
Meine Jugend in Armut mag dazu beigetragen haben. Ich bin sicherlich auch
ein wenig zynisch und mein pessimistischer Charakter drückt sich
in meiner Arbeit aus. Mit meinen Freunden, oder wenn ich Leute treffe,
empfinde ich mich nicht als Schwarzmaler. Aber ich fühle, dass diese
auch eine dunkle Seite in sich haben. Diese stelle ich mir vor, denn es
gibt kein Licht ohne Schatten." Zurzeit arbeitet Tatsumi an der autobiografischen
Geschichte "Gekiga hyoryu" (etwa: "Ein Gekiga-Überlebender").
David Basler
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